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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-13 · Heft 7 (13.2.1872) · p. Seite 121

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 7 (13.2.1872)
Date
1872-02-13
Page
Seite 121 (sequence 3)
Language
German
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121 nicht Heilen. Kamen daher allerdings Falle vor, in welchen man sich bei nahender Bedrängniß an angesehne Gemeinden und Männer um Intervention wandte, so standen diesen die vielen Fälle gegenüber, in welchen man selbst die Niederlassung fremder Juden zu Hintertreiben suchte. Mit einem Worte, das Interesse, das Mitgefühl, die Thatkraft war sehr energisch entwickelt, beschränkte sich aber auf das örtliche Weichbild. Die darauf eintretenden Zeiten, in denen zwar die Verfolgungen aufhörten, die Beschränkungen aber um so beengender und bedrückender wirkten, bestärkten diesen Ortssinn und den Mangel an Gemeingeist über die localen Gränzen hinaus nur noch mehr. In der neusten Zeit nun hat sich dies ganz anders gestaltet. Ohne das Interesse für die Localgemeinde direct zu vermindern, für welche der Jude große Opfer bringt, und deren Wohlthätigkeitsanstalten in ganz außergewöhnlichem Maße gefördert werden, hat sich der Gemeinsinn für alle, auch für die entlegensten Glieder der jüdischen Religionsgenossenschaft, ausnehmend entwickelt und gesteigert. Es ist das Eigenthümliche einer wahren Tugend, daß sie die Verwendung ihrer Kräfte nicht isolirt, sondern ansteigend ausdehnt. Während der Wohlthäligkeitsfinn der jetzigen Juden sich durchaus nicht auf ihre Glaubensgenossen beschränkt, sondern in anerkannter Weise auch in allen allgemeinen ■ Beziehungen sich bethätigt, ist er doch zugleich innerhalb ' der Glaubensgenossenschaft sehr rege und bekundet sich in Vorkommnissen weit über alle geographischen Gränzen hinaus. Sobald irgendwo die Glaubensgenossen angeschuldigt, bedroht und verfolgt werden, wendet sich ihnen das Interesse aller Juden zu; man wartet nicht erst den Hilferuf der Unglücklichen ab, sondern thut sofort allseitige Schritte, um den gewaltthätigen Arm von den Bedrohten oder bereits Getroffnen zurückzuhalten. Wir wollen nicht erst an die Blutgeschichte, zu Damaskus un Anfang der vierziger Jahre erinnern und an alles das, was seitdem vorgefallen ist, sondern nur auf die jüngste Zeit Hinweisen, wie von der Westküste Amerikas her in allen Landern die Dazwischenkunft gesucht ward, als in Rumänien eine mittelalterliche Verfolgungssucht wieder auftauchte. Fürwahr, hier waltete. .Pie Befürchtung eines ähnlichen Schicksals, nirgends vor; die Bürger des freien. Amerika so wenig wie die Englands und Frankreichs konnten sich irgendwie von solchem Beispiele gefährdet glauben. Vielmehr war es der reine Gemeingeist, das edle Mitgefühl für die: leidenden Brüder; und gegen die brutale Gewalt. Als vor einigen Jahren in Westrußland HungerSnoth wüthete und die in die Städte zusammengedrängten Juden der westrussischen Provinzen furchtbarem ^Elende anheimgefallen waren, da stoffen aus allen Thei!en der Welt Hilfsgelder zusammen , man berieth und versuchte die Mittel, um dem Nothstande dieser armen jüdischen Bevölkerung dauernd abzuhelfen, und brachte eine beträchtliche Anzahl ihrer verwaisten Kinder nach Deutschland und Frankreich, um sie zu tüchtigen Menschen zu erziehn. Als der Kriegssturm über Elsaß und Lothringen gekommen war, und vielfach auch die dortigen Juden schwer betroffen hatte, brachten die deutschen Glaubensbrüder willig ihre Opfergaben, um jenen Beistand zu leisten. Von Persien her drang jüngst ein Hilferuf für die unter der dort herrschenden Hungersnoth schwer leidenden Juden, und sofort bildeten sich in ven großen Städten Comitss zu Sammlungen, und die jüdische Presse feuerte den Wohlthätigkeitssinn an, der sich in zahlreichen Spenden bethätigt. Dieser Gemeingeist hat auch die „Alliance isra&ite universelle“ zu Paris geschaffen, der wir eine baldige Reorganisation, und zwar mit recht praktischen Zwecken und Mitteln wünschen. Wir können also der neuern Zeit eine Erscheinung innerhalb der jüdischen Glaubensgenossenschaft vindiciren, wie sie lautrer, edler und segensreicher niemals in ihr vorhanden gewesen ist, eine Erscheinung , die mit keinen Pflichten des Menschen und des Staatsbürgers in Widerstreit liegt, und keiner Liebe, Obliegenheit und That, die von irgend welcher Seite in Anspruch genommen wird, Abbruch thut. Äst doch des Menschen Herz reich genug, daß seine edelsten Empfindungen für andre Gegenstände nicht abgestumpft werden, wenn sie noch einen, ihrer Pflege gleichfalls würdigen . Gegenstand gefunden haben. Die eingefleischten Gegner der Juden sprechen oft von einer Kameraderie unter ihnen in industrieller und politischer Beziehung. Es . ist dies eine tendenciöse Fiction und keine Spur davon nachzuweisen. Aber wo wehrlose Juden verfolgt werden, oder wo arme Juden in großes Elend gerathen , da erhebt sich jener Gemeingeist, sucht die einen zu vertheidigen, die andern zu retten. Schaden entsprießt daraus niemandem. Es sind Werke der Gerechtigkeit, Thaten der Liebe, und je mehr dieser geschehn in der Menschenwelt, desto besser ist es für die Gesammcheit. Dieser Gemeingeist , dieses Einheitsgefühl im Besten und Heiligsten des Menschen verhindert denn auch unter den Juden 7*

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