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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-13 · Heft 7 (13.2.1872) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 7 (13.2.1872)
Date
1872-02-13
Page
Seite 120 (sequence 2)
Language
German
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120 hatte man sich übrigens nicht; der Geist, aus welchem diese Reformen herrührten, und der Geist, den sie wiederum verbreiteten, trat der frivolen religiösen Anschauung kräftig entgegen, und die Proselytenmacher verloren trotz goldner Mittel, die zu verwenden sie. nicht verschmähten, bald das gewonnene Terrain. Nun machte sich die entgegengesetzte Meinung geltend, und nicht selten wurde auch in den öffentlichen Blattern die Ansicht ausgesprochen: man brauche nur die Juden zu emancipiren, und das Judenthum würdet bald verschwinden. Auch diese Meinung hat sich als irrig erwiesen; weder in den Ländern, in welchen die Gleichstellung schon bald ein Jahrhundert zählt, noch in denen, in welchen sie ein jüngeres Datum aufweist, ist das Judenthum in die Lage gekommen, seine Bekenner zu verlieren, vielmehr ist ihre Anzahl überall gewachsen.; So täuscht das Leben, die Wirklichkeit sehr häufig die Berechnungen der Menschen, und die Folgerungen, die man aus gewiffen Voraussetzungen theoretisch noch so sicher zu ziehen glaubt, erweisen sich nicht selten als trügerisch. Warum? Weil eben in der Natur des Menschen , des Volkes, der Religionsgenoffenschaft ein etwas liegt, was nicht meßbar und greifbar ist, ein Ursprüngliches, Genetisches, was den zersetzenden Einflüssen ' widersteht, was die Seele des Menschen an seine Eigenart, ihm selbst unbewußt, bindet, in ihm wirkt und zu Resultaten führ5, die den Combinationen widersprechen. Es ist dies in der geschichtlichen Entwicklung ebenso, wie es dem Naturforscher im Leben und in den Organismen begegnet.- Wenn er glaubt, durch die Retorte und das Secirmeffer alles bloß und aus einander gelegt zu haben, entschlüpft ihm das, waS des Lebend und des Organismus eigenster Mittelpunct und Factor ist. Er läugnet sein Vorhandensein eine Zeit lang, bis ihn die Erscheinungen zwingen, es wieder anzuerkennen, wenn er es auch nicht erkennt. Wir haben mit dieser Erklärung der Thatsache, von welcher wir sprechen wollten, schon etwas vorgegriffen. Gegenwärtig ist es zweifellos, daß die Juden mit ganzem Herzen denjenigen Völkern sich zugewendet haben, unter welchen sie leben, und die ihnen gestattet haben, an ihrem politischen und socialen . Leben Theil zu nehmen. Die thatsächlichen Beweise liegen so zu Tage, daß selbst die Gegner der Juden, mit Ausnahme einiger verächtlicher Pamphletisten, das Gegentheil nicht mehr zu behaupten wagen. Sie haben nicht blos an den Freuden und Leiden, an den Kämpfen und Arbeiten der Nationen, sondern auch an ihrer Liebe und Haß vollen Antheil. Ferner ist es nicht zu läugnen, daß die Cultur und Bildung, die Wissenschaft wie die Industrie einen kosmopolitischen Einfluß üben, den Blick auf die gesammt e Menschheit, auf alle Theile des Erdbodens richten. Was könnte man nun unter diesen nationalen, politischen und kosmopolitischen Einwirkungen in logischer Weise schließen? Nichts andres, als daß das Einheitsgefühl, der seelische Zusammenhang, das glaubensgenössische Interesse in den Juden sich zersetzen und aufhören müßte. Wie könnten, sollte man meinen, Menschen, die mit Gut und Blut dem Volke und dem Staate angehören und zugleich mitten in den Strömungen der allgemeinen Interessen leben, von den auf- und niedersteigenden Wogen des die ganze Menschheit umsaffenden Culturlebens ergriffen, getragen und mit fort geführt werden, noch Herz und Sinn, noch Gefühl und Thatkraft für die weitzerstreuten, seit vielen Jahrhunderten auseinandergesprengten Glieder ihres Stammes und ihrer Religion haben? Muß nicht schon die große Verschiedenheit ihres Standpunktes, ihrer Gesittung, die Entlegenheit ihrer Wohnorte, die Fremdartigkeit ihrer Erscheinung jeder Annäherung hinderlich sein? Dies sind stark wiegende Motive, und dennoch hat sich das gerade Gegentheil erwiesen. In der neuern Zeit hat sich in den Juden ein Solidaritätsgefühl, ein einheitliches Interesse im besten und edelsten Sinne des Wortes entwickelt, wie es sich so kräftig in einer frühern Zeit niemals gezeigt hat. Daß die Juden in den Zeiten der Verfolgung unter einander an ihrem Geschicke theilnahmen und sich gegenseitig Hülfe und Unterstützung angedeihen. ließen, versteht sich von selbst. Doch sicherlich ist es nicht das^eigne Leid, welches großherzig macht und zu Opfern antreibt. Wer selbst bedroht ist, denkt zunächst an die eigne Rettung; wer jederzeit verlieren kann, strebt vor allem den eignen Schatz zu bergen. Daher kam es, daß die jüdischen Gemeinden in sehr nachdrücklicher Weise für die Unterstützung derjenigen Juden sorgten, die flüchtenden Fußes und augenblicklicher Hülfe bedürftig, zu ihnen kamen. Sie unterstützten sie und sandten sie weiter. Darüber hinaus dachte man nicht, und konnte man nicht denken. Oft war es sehr lästig und selbst gefährlich, wenn in größer« Haufen Flüchtlinge anlangten; das; schnelle Anwachsen der Juden an einem Orte brachte sehr häufig die Vertreibung aller zu Wege; die Privilegien, welche die einzelnen erlangt hatten, wollten sie mit mehreren

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