Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-06 · Heft 6 (6.2.1872) · p. Seite 106

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 6 (6.2.1872)
Date
1872-02-06
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226859--30297-3253167
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

106 Händen sind; deßhalb sehnt man sich nach einer dritten Mittelpartei. Als Sie diese Ansicht in Ihrem Blatte, hochgeehrter Herr Redacteur, aussprachen, kannte ich die Stimmung der Gebirgsbewohner noch nicht; heute, wo ich von einflußreichen Männern des Bezirks dieselbe Meinung höre, bewundre ich Ihren Scharfblick. Hat sich schon in früher» Jahren der Zempliner Jude als wichtiger Factor des politischen Lebens bewährt, selbst in einer Zeit, wo die Emanciparion noch nicht ausgesprochen war, so ist dieses heute doppelt der Fall. Es ist hier nicht am Platze, politische Gegenstände zu erörtern; das aber wollen wir zu unsrer Freude in diesem Blatte constatirt haben, daß bei der jüngsten Deputirtenwahl, wo unser Ministerpräsident als Candidat auftrat, Israel in beiden Lagern eine hervorragende Stelle einnahm. Und so ist es recht. Der Jude, der als nüchtern und unbestechbar im Lande bekannt ist, kann sich nur auf diesem Wege als wichtiger Factor des politischen Lebens Einfluß verschaffen. Bei der jüngsten Comitatsorganisation waren ungefähr 80 Israeliten als Deputirte des Zempliner Comitats erschienen, die Mehrzahl, mehr als 60 Personen, waren deakistisch, d. h. regierungsfreundlich gesinnt, ein kleiner Theil gehörte der gemäßigten Opposition an. Da bei uns die politischen Beamten lBicegespäne, Stuhlrichter, Bezirks- und Comitatsärzte) gewählt werden, so bestimmte die Regierungspartei ihre Candidaten nach Herzenslust, ohne Rücksicht auf die Wünsche der Bevölkerung. Die Israeliten, obwohl regierungsfreundlich und politisch reif, fanden ein derartiges Vorgehen unpraktisch und gaben nur befähigten Männern ihre Stimmen; darin liegt nun auch der Grund, wenn im Zempliner Comitate nicht die politische Parteifarbe zu einem Amte verhalf, wohl aber die Befähigung. Zu Comitats- und Bezirksärzten wurden größtentheils Juden gewählt,, die sich nicht selten, wenn sie verschiedenen Parteirichtungen angehörten, gegenüberstanden. Auf dem Gebiete des israelitischen Schulwesens' habe ich noch immer wenig erfreuliches zu melden. Die in Satorallya Ujhely bestehende Musterhauptschule fristet nur ein trauriges Dasein. Weder die Confession, noch die Regierung interessirt sich heute für diese Anstalt, die Lehrer, die vor Jahrzehnten mit 500 und 600 fl. angestellt wurden, können kaum, da alles auf das doppelte gestiegen ist, ihre Familien erhalten, viele sind gezwungen, zu einem Nebenerwerb zu greifen, was von der Bevölkerung nicht gern gesehn wird. ES wäre zu wünschen,, daß die Confession sowohl wie die Regierung diesem Provisorium ein Ende machte, und daß die Lehrkräfte theils in der hiesigen, theils in andern Gemeinden Verwendung fänden. In Liszka, Szerencs, Tokaj und andern Orten Zemplins kommen keine Schulen zu Stande, da die Juden dieser Gegend eine Antipathie gegen confessionelle Schulen zeigen, die christliche Bevölkerung aber nichts von Simultanschulen wissen will. Da die Reichern sich Privatlehrer halten, leiden die Armen am meisten dabei, und mancher hoffnungsvolle Knabe wächst un? wissend heran, der bei mehr Energie der jüdischen Schulvorstände eine Zierde der Gemeinde geworden wäre. Der Liszkaer Rabbi, ein bekannter chassidischer Rebbe und Wundermann, der sich unlängst bei dem Unterzeichneten in Angelegenheiten der Schule Raths erholte, meinte, daß er sich bei der Behörde für Simultanschulen aussprechen wolle, da seine Gemeinde zu arm sei, eine Schule zu erhalten. Gegen eine confessionstose Schule aber ist die katholische Geistlichkeit, da nach Ansicht der Ultramontanen der Antichrist im Gefolge der Simultanschulen ist. Oberlehrer I. Rosenmeyer. Kaschau, am 17. Januar. (Privatmitth). Die hiesige orthodoxe Gemeinde hat sich von der Muttergemeinde getrennt. Hiervon wird die Schule um so weniger berührt werden, da diese auch in orthodoxen Kreisen ihre Freunde hat. Aehnliche Verhältnisse bestehen in Eperies und Debrecin. Der Rabbiner der letzter» Gemeinde hat eine Berufung nach Siebenbürgen erhalten. Die Gebildeten dieser Gemeinde erwarten, daß nach Genehmigung der orthodoxen Statuten der Hader ein Ende nehmen werde. 2 . . . . Großbritannien. London, im Januar. Die öffentlichen Blätter schreiben: „Wie in London, so hat sich auch in Birmingham ein israelitischer Verein gebildet, um der christlichen Proselytenmacherei entgegenzutreten. In einer der dortigen protestantischen Kirchen wurde eine Predigt gehalten, zu welcher die Anhänger des mosaischen. Glaubens ganz besonders eingeladen waren,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.