Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1872)
- Date
- 1872-02-06
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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105 nöthigen Vorbereitungen zu treffen, so wird der Beschluß in kürzester Zeit zur praktischen Ausführung gelangen. Prag, im. Januar. Die hier erscheinende „Wahrheit" enthält den Etatsentwnrf der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde für das Jahr 1872. Die fixen Einnahmen betrugen 19,295 fl., die Ausgaben dagegen 36,999 fl., wozu noch 885 fl. uneinbringlicher Beträge veranlagt werden, so daß 18,588 fl. auf dem Wege der Umlage eingebracht werden müssen. Es ist erfreulich, an diesem Etat zu bemerken, wie in möglichst liberaler Weise für Armen- und Unterrichtswesen und zugleich für rituelle Zwecke gesorgt wird, so daß wahrlich keine religiöse Partei über Vernachlässigung klagen kann. Lemberg, 31. December. (N. Fr. Pr.) Bekanntlich kostete es vor drei Jahren die schwersten Kämpfe im hiesigen Landtage, um nur einige mit der staatsgrundgesetzlichen Gleichberechtigung der Confessionen unvereinbare Bestimmungen des Gemeindegesetzes, namentlich die Ausschließmlg der Israeliten von den Gemeindeämtern, zu beseitigen. Wie aber heute in der Praxis die Gleichberechtigung hier zu Lande aufgefaßt werde, zeigten die jüngsten Budgetdebatten unsers Gemeinderaths. Dr. Kolischer erhob im Namen seiner sämmtlichen jüdischen College» Beschwerde gegen die Ungerechtigkeit des Magistrats, welcher alle Unterstützungsgesuche der jüdischen armen Gemeindegenossen ausnahmslos zurückweist, und die des Geweinderaths, der den jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten jede Unterstützung versagt; Dr. Kolischer verlangte demnach die Berücksichtigung der erstern, und was die letzter» betrifft, wenigstens die Bewilligung eines Jahresbeitrags von 1000 fl. für die hilfsbedürftige jüdische Waisenanstalt, sicherlich eine mäßige Summe im Vergleich mit der von der reichdotirten christlichen Waisenanstalt bezogenen von 15,000 fl. Es war aber, als hätte der Antragsteller aus dem Erdboden eine ganze Rotte von Rednern hervorgestampft, welche alle ihre Gelehrsamkeit und Beredsamkeit auskramten, um nachzuweisen, sämmtliche Wohlthätigkeitsfonds seien von Alters her ein ausschließliches Eigenthum der christlichen Gemeindemitglieder, und dürsten daher den Juden um so weniger zu gute kommen, so lange dieselben auch ihre ausschließlich confessionellen Anstalten besitzen. Darunter waren vorzüglich das jüdische Spital und die jüdischen Schulen gemeint. Nun ist es wohl klar, daß der orthodoxe jüdische Arme der Hilfe eines Spitals, wo zum Beispiel den religiösen Speisevorschristen nicht Genüge geschähe, die völlige Hilflosigkeit verzöge; doch trotz seiner religiösen Scrupel hat er wohl einen Anspruch auf Humanität. Gleicherweise sind auch die confessionellen Schulen ein nothwendiges Nebel; denn wären orthodoxe jüdische Aeltern darauf angewiesen, ihre Kinder in eine Schule zu schicken, wo dieselben am Sabbath nicht nur zum Besuche, sondern auch zum Schreiben angehalten würden, die Zahl der Volksschulbesucher würde sicherlich in Lemberg von den gegenwärtigen 35 Procent der Schulpflichtigen sehr rasch noch tiefer Herabsinken. Wie es übrigens um das Vermögen dieser Anstalten bestellt sei, beweisen die enormen Gemeindelasten der jüdischen Bewohner, wie sie die christlichen gar nie kannten. Man darf dabei nicht vergessen, daß die Juden fast die Hälfte der lemberger Stadtbevölkerung ausmachen und natürlich, auch zu den allgemeinen Gemeindelasten beizutragen verpflichtet sind. Aber diese und ähnliche Gründe konnten natürlich vor unserm Gemeinderathe keine Geltung finden. Er ging daher über. die Anträge Dr. Kolischers zur Tagesordnung. Um aber einen Beweis von Liberalismus zu geben, überwies der Gemeinderath auf Antrag des Herrn Dobrzanski diese Angelegenheit einem Ausschüsse behufs Ausarbeitung eines Projects'zur Verschmelzung des jüdischen und des christlichen Gemeindevermögens. Aus dem Tokajergebirge, im Jan. (Privatm. In unserm Gebirge, worin sich bis heute auch nicht eine einzige Congreßgemeinde organisirt hat, wo der Glaubenswächter seine bedeutendsten und einflußreichsten Mitglieder zählt, in dem seiner Zeit bei der Congreßwahl ein Candidat nur dann durchdrang, wenn er versprach, gegen die Errichtung eines Rabbinerseminars zu stimmen, sollte jetzt, nach Sanctionirung der Statuten für die orthodoxen Juden Ungarns und Siebenbürgens, nur Jubel und Freude herrschen. Dem ist aber nicht so. Kcmm, daß einzelne von dem wichtigen Ereigniß wissen oder reden. Man ist det Zänkerei müde und sehnt sich nach Ruhe. Man sieht ein, daß eine Theilung des ungarischen Israels ein Unglück wäre, und daß die Extreme in Wirklichkeit nicht vor-