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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-06 · Heft 6 (6.2.1872) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 6 (6.2.1872)
Date
1872-02-06
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 Schneidemühl. Hier handelt es sich um keine neue Bewilligung, kein neues Zugeständniß, sondern darum, daß die Regierung den dortigen Juden etwas genommen hat, was sie schon Hatten, eine Verpflichtung nicht erfüllte, die sie mit dem städtischen Gymnasium übernommen Hatte, und daß sie in dem Wortlaute des Contractes diese Verpflichtung mit Stillschweigen überging als eine Kleinigkeit, welche zu erwähnen zu unbedeutend war. Hier lag die Tendenz des Herrn von Mühler und seiner Organe völlig offen, und es fragt sich daher, wie sich Herr Dr. Falk dabei benehmen werde. Denn wenn auch die zugestandne Remedur noch keinen Maßstab für das weitre Vorgehn des neuen Ministers in dieser Frage abgeben würde, so spräche doch eine Weigerung, also die Aufrechterhaltung der mühlerschen Maßnahmen, unzweideutig seine Gesinnung hinsichtlich der Behandlung des jüdischen Schulwesens und des Judenthums überhaupt aus. Es wäre daher sehr wünschenswert, daß diese Petition, für welche die Commission durch ihr Mehrheitsvotum eingetreten ist, recht bald auf die Tagesordnung des Hauses käme. Stuttgart, 16. Januar. Bekanntlich hat die würtembergische Abgeordnetenkammer eine Resolution votirt, welche das Gesuch an die Regierung richtete: „zur gesetzlichen Einführung des Grundsatzes, daß die Religionsverschiedenheit zwischen Christen und Nichtchristen kein bürgerliches Ehehinderniß bilden soll, die geeignete Einleitung zu treffen." Diese Resolution kam nun gestern in der Kammer der Standesherrn zur Verhandlung. In der Debatte wurden von beiden Seiten die bekannten Gründe für und wider geltend gemacht. Bei der Abstimmung wurde der Beschluß der zweiten Kammer, die Ehe zwischen Juden und Christen zu gestatten, verworfen. . Aus der Provinz Posen, im Jan. Aus Gnesen wird der „P. Z." berichtet: Es ist neuerdings vielfach darüber geklagt worden, daß das deutsche Element in der Provinz im letzten Jahrzehnt nur wenig vorwärts geschritten sei. Für die hiesige Stadt scheint diese Annahme nicht zuzutreffen. Bei den letzten drei Volkszählungen (vom 3. December 1864, 3. December 1867 und 1. December 1881) hat eine Zählung nachNationalitäten nicht stattgefunden, und kann nur die Zählung nach Confessionen zu Grunde gelegt werden. In der Stadt Gnesen wohnten 1864 7839 Personen, von denen 1453 der evangelischen, 4700 der katholischen Kirche angehörten, und 1686 Juden. Nach der Zählung von 1871 dagegen betrug die Einwohnerzahl 9917, davon 2898 Evangelische, 5585 Katholiken und 1434 Juden. In 7 Jahren hat sich hiernach die evangelische Bevölkerung der Stadt um circa 100 Procent, die katholische um circa 14 Procent vermehrt, *bte jüdische dagegen sich um 18 Procent vermindert. *) Wenn man nun aber noch in Rechnung bringt, daß unter den Katholiken mindestens noch 10 Procent deutsche Katholiken stecken, so ist eine sehr erhebliche Kräftigung des deutschen Elements in hiesiger Stadt nicht zu verkennen. Noch ungünstiger für die polnische Bevölkerung stellt sich eine Vergleichung des Grundbesitzes und der Steuerkraft nach den Nationalitäten. Zur Staatseinkommensteuer sind pro 1872 in der Stadt Gnesen 97 Personen mit jährlich 4624 Thalern Steuer veranlagt, davon waren: 39 Deutsche mit i960 Thalern Steuer 30 Juden mit 1764 Thalern Steuer 19 Polen mit 960 Thalern Steuer. Nach der Gebäudesteuerrolle sind 406 Grundstücke mit steuerpflichtigen Gebäuden bebaut, davon sind: 131 Grundstücke mit einem veranlagten Nutzungswerth von 24,514 Thlrn. in Händen von Juden; 111 Grundstücke mit einem veranlagten Nutzungswerthe von 19,415 Thlrn. in Händen von Deutschen; 164 Grundstücke mit einem veranlagten Nutzungswerthe von 17,881 Thlrn. in Händen von Polen, so daß der durchschnittliche Nutzungswerth eines gebäudesteuerpflichtigen Grundstückes in Gnesen im jüdischen Besitze 187 Thlr., im deutschen Besitze 174 Thlr. und im polnischen Besitze nur 109 Thlr. beträgt. Breslau, 29. Januar. (Privatmitth.) Der Jahresbericht des hiesigen jüdisch-theologischen Seminars ist soeben ausgegeben worden. Er enthält eine Abhandlung von Di-. Frankel: „Zn dem Targum der Propheten", auf welche Sie wohl im literarischen Wochenbericht weiterhin aufmerksam machen werden. Der eigentliche Bericht über das abgelaufene 18. Jahr des *) Diese Verminderung ist durch Wegzug und Auswanderung verursacht worden.

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