Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1872)
- Date
- 1872-01-30
- Page
- Seite 85 (sequence 9)
- Language
- German
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85 wahrscheinlich ist eine ähnliche auch an andere Herde des Ultramontanismus. gerichtet worden. Es wird darin von der feindseligen Haltung gegen die Regierung und die Ständekammern abgemahnt, da bei dem jetzigen Zustande der Gemächer der Kampf nicht blos erfolglos, sondern auch gefährlich sein könnte: Man solle besonders in amtlichen Schriften und auf der Canzel Regierung und Volk schonen und sich bis auf „bessere Zeiten" mehr passiv verhalten. Dagegen dürfe man sich nicht bewegen lassen, sich irgendwie mit offenkundigen, päpstlichen Aussprüchen in Widerspruch zu setzen. Es heißt dann wörtlich: „Es sei der göttlichen Sache unwürdig und müsse offenbar nur die Gemüther verwirren, wenn die Streiter der unfehlbaren Kirche sich, wie geschehen, erklären für Glaubens-, Gewissens- und Cultussreiheit u. s. w., welche der menschliche Hochmuth, die deutsche Wissenschaft*) mit dem Satan erfunden habe und verkündigt. Diese frechen Theoreme drohen dem Reiche Gottes auf Erden mit gewissem Untergang, so wie sie dem heiligen Vater bereits die weltliche Herrschaft geraubt haben. Sie läugnen die Alleinberechtigung der alleinseligmachenden Kirche, und stellen im Widerspruch mit dem Willen Gottes Staatsverfassungen und Gesetze auf, welche den Ungläubigen gleiche Rechte mit den Katholiken und damit den Verdammten Förderung geben und den Sieg verheißen. Es sei höchst verwerflich, vor den Götzen der Neuzeit die Kniee zu beugen und der sogenannten öffentlichen Meinung zu huldigen. Die Kirche pactire nie mit Beelzebub; sie scheue sich nicht, die Wahrheit immer offen zu bekennen. Der Fels Petri werde nicht wanken in den vorübergehenden Zeitströmungen; die heilige Kirche werde allein feststehen in dem Widerspruch aller Meinungen, in der Anarchie aller staatlichen und bürgerlichen Ordnungen. Aus dem allgemeinen Ruin werde die unerschütterte römische Kirche triumphirend hervorgehen unter der sicheren Führung des Papstes, dem der allmächtige Gott Vollgewalt übertragen und der als Statthalter Gottes allein weiß, was allen zum Heile gereicht." Man sieht, daß es stets dieselbe Leier ist, aber in so schrillen Tönen, wie selbst in früheren Zeiten nicht. *) Ist denn die Glaubens-, Gewissens- und Cultusfreiheit nur in Deutschland erfunden und zur Herrschaft gebracht worden? Ist dies nicht vielmehr in romanischen, ganz katholischen Staaten zuerst geschehen? Oesterreichisch-ungarische Monarchie. Wien, 7. Januar. (N. Fr. Pr.) In Folge des Ablebens des bisherigen Präsidenten der wiener israelitischen Cultusgemeinde, Baron Königswarter, war die Neuwahl eines Functionärs für diesen Posten nothwendig geworden. Der Wahlact wurde gestern Abend im Sitzungssaale des israelitischen Cultusgemeindevorstandes vollzogen und gestaltete sich angesichts der Persönlichkeit, welcher die Wahl zugedacht war, zu einem Acte, dem es an politischer Färbung nicht fehlte. Die Wahl war von vornherein dem Reichsrathsabgeordneten Dr. Kuranda zugedacht, da der Vorstand mit gutem Grunde besonderen Werth darauf legte, an die Spitze der Cultusgemeinde einen Mann zu stellen, dessen ehrenvolle politische Laufbahn und dessen Privatcharakter der Wichtigkeit des Ehrenamtes entsprechen. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Alterspräsidenten Herrn Biach wurde zur Tagesordnung, der Wahl des Präsidenten, übergegangen. Mit Einstimmigkeit wurde Dr. Kuranda gewählt. Der neugewählte Präsident' wendete sich mit einer warmen Ansprache an die Anwesenden, mit der Zusage beginnend, seines Amtes eifrig und mit Unparteilichkeit walten zu wollen. „Die Aufgabe, welche mir zufiel" — sagte der Redner beiläufig — „ist eine ehrenvolle; ich bin an die Spitze eines Gemeinwesens gestellt, das nahezu 50,000 Mitglieder vereinigt, und großartige Anstalten der Wohlthätigkeit sind zu verwalten. Aber diese Aufgabe ist auch eine schwierige; auf allen Gebieten der Cultur, ganz vorzugsweise aber auf dem Gebiete der religiösen Fragen, sehen wir einen Kampf der Geister, einen Kampf zwischen alten und neuen Ideen. -Auch unsere Gemeinde bleibt davon nicht unberührt. Es ist unläugbar, daß manche unserer Satzungen und rituellen. Einrichtungen mit dem Geiste der Zeit nicht mehr im Einklänge sind. Viele derselben, in verfolgungsschweren Zeiten normirt, haben die Jsolirung zur Voraussetzung. Verdrängt aus der bürgerlichen Gesellschaft und zur Vereinsamung gezwungen, von Feinden und falschen Anklägern umgeben, hat das jüdische Gemeinwesen Formen gewonnen, die diesen Zuständen entsprachen. Nun trat ein Umschwung ein. Die bürgerliche Gesellschaft, die politischen Institutionen öffneten dem Juden Kreise, aus denen er bis dahin ausgeschlossen war, und unabweisbar tritt an uns die Nothwendigkeit heran, manche