Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1872)
- Date
- 1872-01-30
- Page
- Seite 83 (sequence 7)
- Language
- German
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83 Sache als ganz natürlich erscheine, weil die Mehrzahl der Juden in Städten wohne, zu den Kaufleuten gehöre, und die Armenunterstützung bei den Juden eine viel größere sei. Uns scheint hier bei einiger Wahrheit doch viel Jrrthum mit unterzulaufen. Des Verfassers Behauptung, daß die Mehrzahl der Juden in Städten wohne, wo Gymnasien sind, ist unrichtig; sie wohnen auch°rn einer bei weitem größern Zahl von Städten, wo keine Gymnasien sind. Als Kaufleute sollten sie die größere Mehrzahl ihrer Kinder auf Realschulen und nicht auf Gymnasien schicken. Daß die Juden alle Kaufleute seien, ist ebenfalls sehr übertrieben, denn kleine Händler giebt es sicherlich unter ihnen mehr als solche, die zu den „Kaufleuteu" gerechnet werden können. Irrig ist es, wenn die Mittel für die ärmern Juden, ihre Kinder auf Gymnasien und Universitäten zu schicken, durch die bereite Hülfe der reichern Glaubensgenossen als größer ausgegeben werden. Die Untersttitzung der Juden für Gymnasiasten und Studirende schreibt sich erst seit sehr kurzer Zeit her und ist verhältnißmäßig noch sehr gering. Die Juden hatten bis vor kurzem noch sehr wenig Sinn für diesen Zweig der Wohlthätrgkeit, wie wir dem Verfasser leicht beweisen könnten. Dagegen sind die zahllosen Stiftungen zu Gymnasial- und Universitätsstipendien christlicherseits gar sehr in Anschlag zu bringen. Wenn aber die drei Erklärungsgründe des Verfassers im vollen Maße auch als rich-. tig angenommen würden, genügten sie dennoch für ein so außerordentliches Verhältniß der jüdischen Gymnasiasten und Realschüler durchaus nicht, und es würde dennoch ein viel stärkeres Motiv bei den Juden, ihre Söhne in diese höheren Lehranstalten zu senden, gesucht werden müssen. Ob man dieses einen höhern Bildungstrieb nennen wolle, darauf kommt es uns nicht an. Man vergesse doch nicht, daß bei diesem Besuche der höhern Lehranstalten nicht blos Geldopfer, sondern noch viel mehr Zeitopfer gefordert werden, da der Besuch jener bis in ein viel weiteres Lebensalter hinaufreicht, als bei den Schülern der Elementar- und Bürgerschulen, die jüdischen Aeltern also auf eine viel spätere Erwerbsthätigkeit ihrer Kinder rechnen müssen. Viel , näher liegt es, den Grund mit darin zu suchen, daß die Juden, anderthalb Jahrtausende unter dem Niveau der bürgerlichen Gesellschaft zurückgehalten, und noch jetzt vielfach zurückgesetzt, _um so mehr das Verlangen empfinden, ihre Söhne auf eine höhere gesellschaftliche Stufe zu bringen, und daß sie die Einsicht haben, dies nur durch eine höhere Schulbildung erlangen zu können. Der Verfasser verfällt noch in einen andern Widerspruch mit sich selbst. Er sagt, das Äudenthum verhalte sich zur Wissenschaft wie jede andere Religion. Die jüdische Orthodoxie sei dieser ebenfalls feindselig. Nun hat er aber ausgeführt, daß die größere Unfreiheit, welche in der katholischen Kirche bestehe, den geringern Besuch der Gymnasien seitens der katholischen Jugend mit erkläre. Er müßte daher doch von vornherein bei dem entgegengesetzten Resultate auch dem Judenthume eine größere Freiheit zusprechen, und daß es von hierarchischen Fesseln, wie er ja selbst ausführt, frei ist, liegt doch nothwendig im Judenthume selbst und in dem Gange, den es schon seit der Zeit vor dem Falle Jerusalems verfolgt hat. — Kehren wir aber zum Anfänge zurück, so ist es dem Verfasser jedenfalls nicht gelungen, die Verwerflichkeit der statistischen Angaben über die Confessionen an sich zu erweisen, sondern nur die Nothwendigkeit, vorsichtig mit ihnen umzugehn, bevor man Schlüsse daraus zieht. In Staaten, wo die Rechtsgleichheit noch lange nicht durchgeführt ist, giebt es noch sehr viele Fälle, in denen diese Statistik eine bereite Aushülfe bietet. Wie? wenn man nun den Juden, wie so vieles Irrige, auch einen mangelhaften Besuch der höhern Lehranstalten vorwürfe, wie wollte man dies widerlegen? Ueberhaupt darf man keiner Wissenschaft irgend ein wichtiges Moment entziehn, und die Religion ist wahrlich noch nicht zu einer so gleichgiltigen Sache abgeblichen, daß man nicht auch über ihren äußern Bestand Aufschlüsse zu haben wünschen möchte. Bonn, 18. Januar. (Privatmitth.) Daß endlich Herr von Mühler aus dem Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten zurückgetreten ist, und hiermit die dringenden Wünsche des preußischen Volkes erfüllt worden sind, ist bekannt. Freilich wird die Freude darüber etwas durch das von gewisser Seite emsig verbreitete Gerücht gedämpft, es sei nur ein Personen-, kein Systemwechsel beabsichtigt. Doch läßt sich dies leichter sager als durchführen. Nicht die Person des Herrn von Mühler an sich und allein, sondern seine ganze Handlungsweise und Richtung ist es, welche die allgemeine Unzufriedenheit hervorgerufen und die preußische Gesetzgebung auf dem