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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-30 · Heft 5 (30.1.1872) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 5 (30.1.1872)
Date
1872-01-30
Page
Seite 80 (sequence 4)
Language
German
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80 seinem Gewissen'und seiner persönlichen Richtung. Um so weniger fühlten sich die Individuen angeregt und berechtigt, sich von der Gesammtheit zu trennen, sich ihr entgegenzustellen, sie anzugreifen oder auch nur heftig in sie einzugreifen. ' Es war daher natürlich, daß diese Gesammtheit in ihrer officiellen Gestalt und äußern Erscheinung nur sehr langsam vorwärts ging und der neue Geist sich mehr in neuen Einrichtungen, in Schule, Gemeinde und Vereinswesen verwirklichte, also in Dingen, die den Bestand des Judenthums für die Zukunft von neuem sicherten. Dennoch konnte es nicht.ausbleiben, daß allmälig ein Kampf zwischen den beiden Geistesströmungen, der Entwicklung nach der universellen Seite und dem starren Festhalten an der bestehenden national-religiösen Gestalt, entstand, ein Kampf, der mit der Stärkung und Verbreitung der erstern heftiger, und in der jüngsten Zeit zu schroffen Gegensätzen wurde. Eine jede Action ruft die Reaction hervor. Die jüdische Masie besteht aus sehr verschiedenartigen Elementen und Schichten. Die Natur einer solchen hält den einen Theil auf dem altgeschichtlichen Boden fest, während der andere ihn mehr oder weniger schon verlassen hat. Dazu kommt, daß der größte Theil der Juden unter Völkern lebt , die noch zu den halbcivilisirten gehören, und daß er deshalb von der Einwirkung der neuen Zeit noch ziemlich ausgeschlosien ist, während er doch mit den im Westen wohnenden Glaubens- und Stammesgenossen nicht ohne äußerliche Verbindung ist, so daß immer wieder nicht wenige Individuen zu diesen einwandern. Bei dem Drange aber, die religiöse Einheit zu erhalten, hat dieser Kampf der Parteien immer doch die Wirkung, daß der reformistische Theil der Juden in Bezug auf die Gestaltung der Gesammtheit nur sehr vorsichtig und langsam vorgeht. Mit dieser Geistesarbeit traten die Juden und das Judenthum in das allgemeine Culturleben raschen Schrittes ein und nahmen Stellung darin. Die frühere Verachtung, das gänzliche Jgnoriren ihres Daseins schwand allmälig, und das Judenthum gewann sich immer mehr den Platz neben den großen welthistorischen Erscheinungen. Vergebens versuchte man es, dasselbe immer wieder für eine abgethane und, wie man sich ausdrückte, mumificirte Existenz zu erklären, die seit dem Entstehen des Christenthums kein Leben und keine Berechtigung mehr hätte. Man mußte diesen Versuch aufgeben gegenüber den thatkräftigen Kundgebungen des Judenthums, und nichts zeigt-seine Bedeutung im Culturleben und für dasielbe mehr, als die Feindschaft, welche der Ultramontanismus und Pietismus ihm beweisen. Beide erkennen in seinem -Dasein, in seiner Klärung und seinem immer schärfer hervortretenden universellen Werthe die von selbst gegebene Opposition zu ihrem Wesen und Streben. Die Ueberzeugung, daß der jüdische Geist es ist, der als Christenthum und als Islam in die Menschenwelt eindrang und sie seitdem im höhern Sinne durchdrungen hat, der aber nur in der universellen Lehre des JudenthUms seine Vollendung hat und seine Erfüllung finden wird, hat sich allmälig verbreitet, und wird gerade ^von den Gegnern dieser Weltanschauung alp offensten anerkannt. Dies ist der Standpunct der Gegenwart, unparteiisch und objectiv aufgefaßt. Was ergiebt sich daraus? Daß das Judenthum in großen Phasen einen geschichtlichen Entwicklungsgang durchschreitet, in welchem nach den Bedingungen der Zeilen das universelle Wesen desselben bald stärker hervortritt, bald in das national-religiöse Gesetz sich zurückzieht, um sich zu erhalten, und gegenwärtig wieder besonders aus dieser seiner Hülle sich herausringt, immer aber den geschichtlichen Boden als Fundament festhält. Es ergiebt sich andrerseits, daß die Mission des Judenthums darin besteht, die reine monotheistische Gotteslehre mit ihren Consequenzen in sittlicher und socialer Beziehung in der sich entwickelnden Menschheit aufrecht zu erhalten, zu bezeugen und zu bethätigen, und je dachdem die Menschheit zu dieser Lehre heranreist, ihr dieselbe zu übergeben, wie dies theilweise auch durch das Christenthum und den Islam geschehen ist, um dereinst, wenn die Menschheit völlig dazu herangebildet sein wird, ganz in dieselbe verpflanzt zu werden. Welche Differenz besteht nun zwischen uns und der Partei der „liberalen Christen", wie sie Herr Rahlenbeek zu nennen beliebt? Man verlangt, daß die Juden die universelle Lehre ihrer Religion aufstellen und bekennen, die ganze historische Gestalt und alle specifischen Elemente des Judenthums dagegen aufgeben sollen. Wir aber meinen, daß dies ebenso unmöglich wie verderblich sein würde. Unmöglich, denn die gesammte Judenheit wurzelt in der geschichtlichen Entwicklung ihrer Religion, und die große Mehrzahl findet mehr oder weniger ihre religiöse Befriedigung noch immer in der Uebung des national-religiösen Gesetzes, wenigstens in

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