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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-30 · Heft 5 (30.1.1872) · p. Seite 79

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 5 (30.1.1872)
Date
1872-01-30
Page
Seite 79 (sequence 3)
Language
German
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79 entweder oder.*) Noch mehr aber trugen die innerlichen Momente dazu bei. Die Cultur, die allgemeine, wie die wissenschaftliche, lenkte durch sich selbst die Aufmerksamkeit der jüdischen Geister auf den universellen Lehrinhalt ihrer Religion, den vom national-religiösen Hintergründe abzuheben in der von selbst sich ergebenden Richtung lag. Diesen von neuem als das Wesen der Religion zu erkennen, zum Verständniß zu bringen und abermals durchzuarbeiten, stellte sich ihnen um so mehr als Aufgabe dar, als ihnen jetzt die andern Religionen, sowie die Philosophie und die Anschauungen der gebildeten Welt nahe traten und sie zur Vergleichung und zur Feststellung der Jncidenz- und Differenzpuncte aufforderten.**) Eine solche Vertiefung in den Lehrinhalt, besonders unter den Einflüssen der allgemeinen Geistesströmung, brachte aber neue Conflicte mit dem bestehenden national-religiösen Gesetze hervor. Denn theils ließ sie dies überhaupt als secundär, als die blos äußerliche Erscheinung der Religion ansehen, theils weckte sie die Kritik zu der Untersuchung, ob dieses Gesetz ursprünglich, dem Wesen der Religion entsprechend, unentbehrlich sei und mit der erlangten Cultur nicht in Widerspruch stehe, oder ob es das Gegentheil davon sei, von der Zeit gebracht und mit der Zeit wieder verschwindend, abgestorben und unsern geistigen Zuständen widersprechend. Die universelle Geistesströmung mußte das national-religiöse Gesetz, wie es sich seit Esra herausgebildet und im Mittelaller vollendet hatte, hernehmen, es zum Gegenstände geschichtlicher und kritischer Untersuchungen machen und in seiner Abhängigkeit vom Lehr- und Gedankeninhalt der Religion erklären.***) *) Wir kannten Rabbiner, welche das orthodoxe Judenthum eifrig vertraten und dennoch ihre Söhne z. B. Rechtsgelehrte, Notare und Richter werden ließen, als welche sie den Sabbath unmöglich zu beobachten im Stande waren. t **) Es trat dies zunächst als praktisches Bedürfniß, theils in der Predigt, theils in der Katechismusliteratur auf, und breitete sich theils zu ausführlichen Lehrbüchern der Religion, theils zu religiös-philosophischen Arbeiten aus. Wir verweisen z. B. auf unsere „Ausführliche Darstellung der israelitischen Religionslehre", 3 Bände 1861—1865. **) Um den charakteristischen Unterschied der neuern Zeitrichtung von ähnlichen früherer Perioden zu erkennen, braucht man nur auf Maimonides' „More Nebuchim", theils im Vergleich mit desselben „9ad hachasaka", theils mit dem Ende des Werkes, den letzten Abschnitten des dritten Theiles, hinzuweisen. Ihm stand neben der philosophischen Forschung betreffs des Lehrinhalts die Auto- Auch dies war nicht das Erzeugniß einzelner, sondern mußte sich naturgesetzlich so entwickeln. Aber nicht minder muß hervorgehoben werden, daß man gar nicht daran dachte, wie mit einem einzigen Schnitte den universellen Lehrinhalt vom national-religiösen Gesetze, also von der ganzen geschichtlichen Gestaltung, dem ganzen geschichtlichen Fundament des Judenthums loszulösen und selbstständig für sich hinzustellen. Wenn einzelne dieses Experiment auch versuchten, so fanden sie doch keinen Boden und blieben isolirt. Denn zunächst würde dadurch nur ein rationelles, der blos subjectiven Meinung unterworfenes Theorem gegeben worden sein, woraus nie eine Religion entsteht. Ferner ist der Gedankeninhall des Judenthums durchaus nicht blos in abstracten Sätzen gegeben, sondern'liegt zum großen Theile, namentlich was die sittlichen und socialen Gedanken betrifft, im Gesetze, mit dessen völliger Negation ein großer und fruchtbarer Theil verloren wäre. Endlich verhinderte daran sowohl die in den Juden lebende geschichtliche Pietät, als auch das starke Gefühl der Einheitlichkeit, das Pflichtgefühl, den Bestand des Judenthums durch die Zersplitterung in Secten nicht zu gefährden. So suchteman das Princip der Entwicklung, welches sich bis jetzt im Judenthume stets bethätigte, zu bewahren. Der Weg der Reform, d. h. der allmäligen Entwicklung aus der bestehenden historischen Form heraus, wurde beschritten. Eine Geschichte derselben haben wir hier nicht zu schreiben. Begünstigt wurde dieser Gang gerade durch die dem Judenthume gelaffene Freiheit, durch die Abwesenheit jeder Hierarchie, jeder centralisirenden Organisation. Der einzelne konnte verfahren, wie er wollte, konnte sich die Conflicte zurechtlegen und ausgleichen nach rität des tradirten Gesetzes unantastbar und unerschütterlich fest, und es kam ihm daher im Moreh nur darauf an, rationelle Gründe und Zwecke in den Grund-, zügen des Gesetzes aufzufinden, ohne daß hiervon die Verpflichtung für das Gesetz in seinem ganzen Umfange irgend berührt oder in Frage, gestellt werde. Es war ihm nur eine Befriedigung des philosophischen Geistes ohne jede Anwandlung von Kritik, ein rationelles Zurechtlegen ohne jede beherrschende Bedeutung und in Unterordnung unter den Bestand und die Gültigkeit auch der kleinsten Satzung. Viel verfehlter war der Versuch Mendelssohns, seine philosophische Betrachtung des Lehrinhalts des Judenthums, als welche ihm sein Deismus galt, mit der unantastbaren. Autorität des Gesetzes zu vermitteln, und jene vor dieser halt machen zu lassen. Da er hierfür einen rationellen Grund aufstellen wollte, mußte sein Versuch mißglücken. j 5*

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