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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-30 · Heft 5 (30.1.1872) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 5 (30.1.1872)
Date
1872-01-30
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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halb Jahrtausenden den Juden auserlegt worden waren, beseitigen, die Ghetti öffnen und den Juden die Theilnahme am allgemeinen Culturleben erschließen, sowie, die Theilnahme am Staatsleben zur Pflicht, zum Gesetze machen.*) Hiermit war den Juden ein neues Problem gestellt, wie es ihnen in ihrer Geschichte noch niemals gestellt worden war. Sehen wir davon ab, daß ihnen jetzt vie Aufgabe geworden ist, in kürzester Zeit in intellectueller, socialer und industrieller Beziehung alles das nachzuholen, was die civilisirten Völker seit der Wiedererweckung der Wissenschaften, also seit sechs Jahrhunderten, errungen haben;**) sehen wir auch davon ab, daß sie in verschiedenen Staaten noch einen kürzern oder längern, bisweilen sehr harten Kampf um ihre bürgerliche Gleichberechtigung und gegen die eingewurzelten Vorurtheile des Volkes zu bestehen hatten. In beiden Momenten lösten die Juden ihre Aufgabe in einer überraschenden Weise, welche Herrn Rahlenbeek gründlich des Jrrthums zeiht, wenn er dem jüdischen Stamme einen unabänderlichen, nicht wieder gut zu machenden Verfall zuschreibt, während die in diesem Stamme schlummernde Kraft der Wiederverjüngung sich so nachhaltig erwies, daß bei vielen an die Stelle der bisherigen Verachtung für die Juden eine gewisse Furcht vor ihnen trat, eine thörichte Furcht vor einer vermeintlichen überwältigenden Macht, die in ihnen liegen solle, eine Furcht, auf welche die Reactionären und Ultramontanen oft genug speculiren, indem sie dem Volke die übertriebensten Vorstellungen davon zu insinuiren suchen. Hiervon sehen wir ab und finden das den Juden gestellte neue Problem in folgenden Verhältnissen. Bis dahin hatten die Juden den reinen Monotheismus in Lehre und Leben zu bekennen, zu bethatigen, zu bezeugen und zu erhalten gehabt, zuerst in ihrem eignen Lande, gegenüber dem Heidenthume aller Völker; alsdann mitten unter die Völker zerstreut, aber in völliger Absonderung von ihnen, gegenüber den sie ausschließenden Confessionen und der bürgerlichen Jsolirung. Jetzt *) Alle neuern Verfassungen enthalten den Satz, daß keine confessionelle Rücksicht die Erfüllung einer gesetzlichen Pflicht gegen den Staat verhindern dürfe. **) Die letzte allgemeine Culturstufe, welche den Juden zu betreten möglich war, ist die spanischarabische, nicht aber die christlich-scholastische. Waren seitdem auch einzelne von ihnen dem ferner» Culturange gefolgt, so war dies doch nicht mit der Gesammteit der Fall. aber sollten sie dieselbe Aufgabe lösen im engsten Anschluß an das allgemeine Leben, sowohl in der Theilnahme am gesammten geistigen Culturleben, als auch am Staats- und Völkerleben, und zwar neben den noch fortbestehenden sie ausschließenden Kirchen, aber doch mitten in einer großen Geistesbewegung, welche jene kirchlichen Ausschließungsdogmen verneint und das religiöse Bekenntniß, theils als Sache des Individuums, theils als eine menschheitliche Entwicklung ansieht. Wenn früher die Feindseligkeit der die Völker beherrschenden kirchlichen und politischsocialen Principien die Absonderung der Juden geradezu gesteigert und gefördert hatte, so daß für sie die allseitige Bethätigung ihres national-religiösen^ Gesetzes eine vollständige ward, so fiel nunmehr dieses wesentliche Moment der Absonderung weg. Das ist das neue Problem, das den Juden mit der neuen Zeit gestellt wurde. Wer daher unparteiisch das Judenthum und die Juden der neuern Zeit beurtheilen will, welcher Richtung er auch angehören möge, muß'sich auf diesen und keinen andern Standpunct stellen. Denn, wie wir schon öfter ausgesührt haben, nicht die Juden selbst, nicht einzelne unter ihnen haben diese Stellung und dieses Problem herbeigeführt, sondern die Vorsehung selber, die in der Reihe der Ereignisse und im Entwicklungsgänge des Menschengeschlechts sich manifestirt. So wenig wie der zweimalige Fall Jerusalems und die völlige Zersplitterung des jüdischen Stammes freiwillige Acte des letzter» waren, ebenso wenig ist das mit dieser neuen Lage, ihren Anforderungen und Consequenzen der Fall. Unter diesen Umständen und Einwirkungen trat nun jene universelle Geistesströmung im Judenthume wieder hervor, welche, ohne jemals völlig verschwunden zu sein, doch seit Esra's Zeiten nur einen engen Hintergrund eingenommen hatte. Aeußerliche wie innerliche Momente trugen hierzu bei. Aeußerliche insofern, als, indem die Juden in allen bürgerlichen Zweigen, in industrieller wie politischer Beziehung thätig wurden, sich mannichfache Conflicte mit dem seit Jahrhunderten fixirten national-religiösen Gesetze ergaben. Das war unvermeidlich und wurde mit dem unermeßlichen Aufschwung der Industrie, mit der immer weitern Eröffnung der politischen Bahnen und nicht minder mit der fortschreitenden Verschmelzung im geselligen Leben immer unvermeidlicher; wir erinnern nur an die Sabbath- und Speisegesetze. Eine Schranke nach der andern fiel, und so standen zahlreiche jüdische Individuen oft vor dem

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