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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-23 · Heft 4 (23.1.1872) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 4 (23.1.1872)
Date
1872-01-23
Page
Seite 75 (sequence 23)
Language
German
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75 über einen Proceß mit, welcher jetzt den Vater Mortara betroffen hat. Montag am 3. April 1871, etwa um vier Uhr Nachmittags, holte Rosa Tognazzi, welche seit einem Monat bei der Familie des Herrn Manolo Mortara in Florenz (Pintiftraße Nr. 53) in Dienst stand, die kleine Imelde Mortara aus der Schule. Während sie mit ihr nach Hause geht, wird sie von zwei Personen, von denen die eine Herr Bartolozzi war, bei dem sie als Zimmermädchen gedient hatte, zuerst verfolgt und dann angeredet. Er beschuldigte sie, ihm verschiedene Gegenstände gestohlen zu haben, und drohte ihr, sie zu verklagen, wenn sie ihm dieselben nicht sofort zurückgebe. Die erschreckte Tognazzi stüchtete sich mit der kleinen Imelde zu Frau Bolasfi, einer Freundin der Frau Mortara, welche in dem Hause der Familie Dreini in der Ghibellinastraße wohnt. Nachdem sie in größter Aufregung die Treppen hinaufgeeilt war, verschloß sie aus Angst, daß ihre Verfolger ihr bis hierhin folgen würden, die Thüre der Wohnung der Frau Bolasfi. In der That trat Herr Bartolozzi in ein Borgemach, durch welches man in die Zimmer der Frau Dreini und der Frau Bolasfi geht. Er erzählte ihnen die Diebstahlsgeschichte und warnte sie, Rosa nicht bei sich zu behalten; als er aber hörte, daß sie hier nicht diene, ging er fort. Kurz darauf kam Herr Flaminio Bolasfi nach Hause. Als er nun erfuhr, daß die kleine Imelde mit Rosa nicht allein nach Hause gehen wollte, entschloß er sich sie zu begleiten, und nahm auch seinen kleinen Sohn Emilio mit. Als sie bei dem Hause Mortara ankamen, gingen die beiden Bolasfi und Imelde sogleich in das Schlafzimmer des Herrn Manolo, der seit einiger Zeit das Bett hüten mußte, da er ein Geschwür am rechten Knie hatte. Rosa flüchtete sich eilends und weinend in ihr Zimmer. Frau Mortara folgte ihr, um sie zu beruhigen, und ging dann auch in das Zimmer ihres Mannes. Kaum waren zwanzig Minuten vergangen, als man ein Geräusch hörte, wie wenn jemand die Thüre lärmend zuwirst, und der Haushund begann heftig zu bellen. Man glaubte, Rosa wäre sortgelaufen. In dieser Meinung traten Frau Mortara und Herr Bolasfi an ein Fenster nach der Pintiftraße zu, aber sie sahen nichts. Der Hund jedoch bellte immer noch und stand unbeweglich vor der Thüre eines Zimmers, welches wenigstens fünfzehn Meter von dem entfernt war, in welchem Herr Mortara krank lag. Als beide vor diesem Zimmer vorbeigingen, hörten sie Klagetöne. Sie gehen hinein, und wie sie aus dem Fenster schauen, sehen sie die arme Rosa im Hofe wie todt liegen. Sie hatte sich aus einem Fenster des dritten Stockwerks herabgestürzt. Herr Mortara, der niemanden in sein Zimmer zurückkehren sah, versuchte, nachdem er aus Leibeskräften gerufen hatte, aufzustehn, aber zu schwach, um gehn zu können, fiel er beim ersten Schritte um. Kurz darauf legten ihn die Seinen wieder aus sein Bett., Vor Verwirrung und Schrecken in Folge dieses furchtbaren Ereignisses unterließen es die Frauen des Hauses Mortara in den Hof zu gehen. Herr Bolasfi aber benachrichtigte sofort die Polizei. Die Kinder des Herrn Mortara waren alle außerhalb des Hauses beschäftigt. ________ Zwei Tage vergingen. Aber schon am nächsten Tage war Herr Bartolozzi zu Herrn Mortara gekommen, um ihm den Argwohn mitzutheilen, welchen er auf seine Magd hatte, und am Tage darauf wurde eine sorgfältige Untersuchung von den Polizeiagenten im Hause Mortara vorgenommen. Diese Untersuchung ergab kein Resultat; jedoch am folgenden Tage um 6 Uhr Morgens wurde Herr Manolo Mortara gefänglich eingezogen , und da er nicht gehen konnte, von seinem Sohne Augusto und einem Gendarme die Treppe hinuntergetragen; ein Wagen brachte ihn in das Gefängniß. Eine Stunde vorher war auch Herr Bolasfi gefänglich ein gezogen worden. Welche Gründe lagen wohl zu diesen Verhaftungen vor? Als die Tognazzi in den Hof gestürzt war, hatten zuerst zwei im Parterre wohnende Frauen ihr Hülfe geleistet. Diese Frauen waren im Hause wegen ihres schlechten Lebenswandels-und ihres Juden Haffes bekannt; sie heißen Gonelli und Ragazzini. Letztere war auf die Straße gegangen, um jemanden herbeizurufen, und erfuhr, als sie wieder in's Haus trat, von der Gonelli, sie habe die Tognazzi gefragt, ob sie jemand aus dem Fenster geworfen habe; da habe sie geantwortet: ja, ja. Außerdem fand der Gendarme Balotazzi, der von der Ragazzini gerufen worden war, die Stirn der Tognazzi mit einem weißen Taschentuche bedeckt, und an der Stirn selbst eine sehr bedenkliche Wunde, welche die Aerzte für die directe Ursache des Todes dieser Unglücklichen erklär-, ten. Schließlich gab eine Frau, Namens Bettucci, an, sie habe Herrn Mortara am Abend nach dem Ereigniffe gegen neun Uhr mit einem kleinen Kinde ausgehen sehen. Auf diese unbestimmten Judicien und die gehässigen Reden der Frauen Gonelli und Ragazzini hin, welche, wie gewöhnlich, übertrieben von Mund;u,' Mund sich weiter verbreiteten, glaubte der Untersuchungsrichter seinen Bericht mit der Erklärung schließen zu müffen, daß es sich nicht um eine Selbsttödtung, sondern um einen Mord handle, und daß er den Herrn Mortara anktage, seine Dienerin zuerst verwundet und dann zum Fenster hinausgeworfen zu haben. Da das gesundheitliche Befinden des Angeklagten es unmöglich machte, daß er dieses Verbrechen ganz allein begangen habe, so beschuldigte man der Mitschuld den Herrn Bolasfi und einen Sohn des Herrn Mortara, welcher indeß zur Stunde des Ereignisses gar nicht zu Hause war, und mit Rücksicht auf seine große Jugend nicht gefänglich eingezogen wurde. Jedermann erwartete, daß die Beschuldigten schnell durch einen Befehl des Gerichtshofes in Freiheit gesetzt

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