Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1872)
- Date
- 1872-01-23
- Page
- Seite 74 (sequence 22)
- Language
- German
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74 schattigen Thälern die sittenreinsten Menschen nährte. Seitdem hat aber die rauhe Wirklichkeit alle diese Fabeln wieder zerstreut, und Neger wie Rothhäute haben ihre angedichteten Reize verloren und ihre Vorzüge vor den Culturzüständen wieder gänzlich eingebüßt. Stellen wir uns also auf diese Wirklichkeit. Darüber kann kein Zweifel sein, daß die Intelligenz des Menschen durch die Civilisation allein ihre großartige Entwicklung genommen hat und noch fortsetzt. Das unermeßliche Wissen, welches >das Menschengeschlecht bereits aufgehäuft hat und noch stündlich vermehrt, die Scharfe der Beobachtung, der Combination und der Schlußfolgerung, die Bertiefung des Denkens sind eine Entfaltung des Geistes und aller seiner Kräfte, welche nur durch eine Culturarbeit von Jahrtausenden gewonnen werden kann. Die Sinne des natürlichen Menschen mögen durch die stete Uebung, in weite Entfernungen zu schauen, schärfer, zur Beobachtung der kleinsten Umstände fähiger sein,' an welchen er die Spuren des Wildes und der Menschen, die er verfolgt, leicht gewahrt. Aber dies alles bewegt sich in so engem Kreise, seine Begriffe und Vorstellungen sind so dürftig und beschränkt und seine Gedankenwelt so umgränzt, daß er sich wenig über den Jnstinct der Thiere erhebt. Eine schwierigere Frage bietet die Sittlichkeit. Bosheit, Schlechtigkeit, Laster und Verbrechen fehlen in keiner Periode, und es hat genug Leute gegeben, welche meinten, diese Laster seien mit der steigenden Civilisation eher gewachsen, als daß sie abgenommen hätten. Wer wäre im Stande, Neid und Mißgunst, Hab- und Herrschsucht und alle niedrigen Leidenschaften aus der Seele des Menschen zu bannen? Ja, wir müssen zugestehen, daß mit der Entwicklung und Vervielfältigung der Lebensverhältniffe, mit der Ausbildung und Verfeinerung der Sitten auch mannichfaltigere Fehler und Laster sich einstellen. Aus dem cultivirten Boden sprießen Nesseln und Unkraut und Dorngestrüpp in noch reichhaltigerm Maße hervor, wenn die sorgfältige Hand des Landmanns und Gärtners sie nicht rechtzeitig ausgätet. Aber dies alles gäbe nur ein einseitiges Urtheil ab. Hier ist es nur der Blick in's Allgemeine, der uns das Richtige lehren kann. Es gilt den Fortschritt des allgemeinen Bewußtseins zum Rechte und zur Humanität, und seine Verwirklichung in Staat, Gemeinde und Privatleben. Und wer könnte nun läugnen, daß dieser Fortschritt allein von der fortschreitenden Cultur abhängt, daß er überhaupt nur ein Erzeugniß der Civilisation ist? Menschenrecht und Menschenliebe sind nicht das Werk des rohen Naturzustandes. Dieser kennt nur die Brutalität der Gewalt, die wilde Leidenschaft und die zarteren Triebe eines besonders organisirten Individuums; er versteht höchstens das Recht und die gegenseitige Unterstützung in dem engen Kreise der Familie und des Stammes; was darüber hinaus liegt, ist ihm nur Gegenstand der Gewalt, herrenloses Gut,- deffen die Gewalt sich bemächtigt, sei es Mensch oder Ding. Was nun auch an der völligen Herrschaft des Rechtes und der Humanität im Kreise der civilisirten Welt fehlen mag, wie viel an Unrecht, Gewalttätigkeit, Vorurtheil und Inhumanität vorhanden sei, wie oft auch noch die alte Wuth und Brutalität Hervorbreche; welche dunkle Gewalten sich immer wieder entfesseln und die Macht über die Menschheit zu gewinnen suchen — jeder Blick über die Vergangenheit, über die Geschichte der Menschheit bis in das graue Alterthum lehrt uns, wie die Grundsätze des Rechts und der Humanität sich allmälig geklärt, aus einzelnen Geistern in die Masse gedrungen, die Institution des Staates umgestaltet, tausend Werke der Liebe und der Versöhnung hervorgebracht und das Privatleben immer stärker zu beherrschen und zu regeln angefangen haben. In der Thal muß man sehr verblendet sein, um derartiges nur in Zweifel zu ziehen, und sich an einzelne Erscheinungen zu hängen, während das große Ganze, nach dem Verlaufe der Jahrhunderte betrachtet, die entschiedensten Fortschritte erweist. Ja, in dem Vorhandensein der Gegensätze, in dem steten Ringen und Kämpfen gegen die feindlichen Dämonen, gegen Aberglauben, Unwissenheit und Despotie im Großen und Kleinen liegt der klarste Beweis von dem unüberwindlichen Einfluffe der Civilisation. Werfen wir einen Blick über die Oberfläche dieses Erdballs, und fragen wir uns, was der Mensch in seinem unermüdlichen Culturtriebe aus ihr gemacht hat. Unermeßliche Ebenen hat er von Gestrüpp und wildem Gethier gesäubert und in lachende Fluren verwandelt, welche die üppigsten Ernten Hervorbringen; düstere Wälder hat er gelichtet oder ausgerodet, umfangreiche Sümpfe ausgetrocknet, über rauhe Gebirge Straßen gelegt, die fernsten Welttheile mit einander verbunden; überallhin ist er gezogen, hat er sich niedergelaffen, die Einöden bevölkert, zahllose Menschenwohnungen aufgerichtet, die rohen Erzeugnisse der Natur sich dienstbar gemacht und zu Werken der Gesittung und Kunst umgestaltet. Was. brauche ich weiter zu schildern? Es ist ein großartiges und erhebendes Gemälde, das sich dem geistigen Auge vorstellt, und uns die Macht der Cultur und die Weisheit der göttlichen Führung bewundern läßt. So bleibt uns nur noch die eine Seite zu betrachten übrig: hat die Civilisation den Menschen nicht mit allzu viel Bedürfnissen bekannt gemacht und ihn dadurch mit allzuvieler Sorge und Arbeit überbürdet? Der Prozeß Mortara vor den Assise» von Florenz. Die Geschichte Edgar Mortara's hat ihrer Zeit ein so großes Interesse erweckt und eine solche culturhistorische Bedeutung erlangt, daß die Angelegenheiten der ganzen Familie viele Theilnahme finden. Aus diesem Grunde theilen wir einen von einem Herrn W. Rava in den Archives israäites veröffentlichten Bericht