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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-23 · Heft 4 (23.1.1872) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 4 (23.1.1872)
Date
1872-01-23
Page
Seite 76 (sequence 24)
Language
German
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werden würden; aber mehrere Wochen verflossen und ein derartiger Befehl wurde nur zu Gunsten des Herrn Bolaffi, sowie des jungen Mortara erlassen, während Herr Manolo Morlara, gegen den man die Anklage aufrecht hielt, von dem Appellhof vor die Assisen geschickt wurde. Die Debatten, welche Mitte September eröffnet werden sollten, wurden aus verschiedenen Ursachen einen Monat vertagt; sie begannen erst am 18. October, also sechs und einen halben Monat von der Zeit an, daß der Angeklagte im Krankensaale des Gefängnisses schmachtete. (Schluß folgt.) Die Juden in Witebsk und die Cholera. Das jüngste unheilvolle Auftreten der Cholera in Rußland hat die dunkle Nacht des Aberglaubens erkennen lasten, in welcher Juden und Christen in Rußland noch leben. Ein Correspondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung berichtet hierüber ausführlich, sowie von den abergläubischen Ceremonien, welche die verschiedenen Religionsgenoffenschaften, eine jede in ihrer Art, zur Abwehr der furchtbar wüthenden Seuche vorgenommen haben. Ueber die Juden im Witebskischen schreibt er Folgendes: Es hatte die Cholera dort in kurzer Zeit 500 Opfer von der jüdischen Bevölkerung allein hingerafft. Die Rabbiner ordneten daher als ^probates Mittel gegen die Cholera an, daß sich zwei Paare auf dem Friedhofe trauen lasten sollten, wozu alle Aussteuer, Spenden und sonstigen Kosten einzig und allein durch milde Beiträge eingeliefert werden mußten. Die Aufregung während der Ceremonie nebst den nachfolgenden Schmausereien bewirkte, daß die Cholera nur noch bösartiger auftrat und noch viel mehr Opfer dahinraffte als vorher. Da sandten die Vorsteher sämmtlicher Bethäuser Leute umher, welche von allen Gliedern der jüdischen Bevölkerung ein „Loskaufgeld" erhoben; durch diese Steuer -sollten sich die Juden von der Cholera gleichsam „freikausen", und man führte den Leuten zu Gemüthe, daß ein Arzt für den kleinsten Gang mehr verlangte, als die gewünschte Steuer pro Kopf ausmacht. Die Cholera wüthete trotz des „Loskaufgeldes" immer heftiger, und immer trotziger wurden die Rabbiner. Sie untersagten es immer energischer, daß jemand nach ärztlichem Beistände verlangte, und forderten nun, die Gemeinde solle sich dadurch entsündigen, daß einer den andern wegen Ehebruchs und ähnlicher Sünden denuncirte. Damit entstand eine ganz abscheuliche Wirtschaft: Angeberei, Klatschsucht, Verläumdung mit obligaten Erprestungsversuchen trieben ihr teuflisches Spiel, und erschienen um so gräßlicher, als jeder ein gottgefälliges Werk dabei auszuführen glaubte. Vermischtes. In Nr. 38 vorigen Jahres S. 753 bemerkten wir im zweiten Artikel über „die Vergötterung von Menschen", daß die Griechen, nachdem sie ihre Freiheit verloren hatten, nach dem Vorbilde des Orients anfingen den Tyrannen, denen sie sich unterwerfen mußten, göttliche Ehren zu bezeugen, und führten Beispiele aus der Zeit des Mithridates an. Wir fanden seitdem, daß dies bereits viel früher, schon lange'vor Alexander dem Großen bisweilen geschehen ist. Als im peloponnesischen Kriege die Spartaner unter Lysander siegreich waren und dieser aller Orten neue Regierungen einsetzte, geschah es, daß man in allen ionischen Städten dem Lysander göttliche Ehren bezeugte. In Samos, das noch länger als Athen dem Lysander Trotz geboten hatte, entblödete sich die neue Regierung nicht, das uralte Staatsfest der Hera in der Weise umzugestalten, daß es auf Lysanders Person übertragen wurde. Altäre wurden ihm erbaut, Opfer zu seiner Ehre angezündet, und Hymnen auf den neuen Heros gedichtet. Es geschah dies also bereits vierhundert Jahre vor dem Anfänge der gewöhnlichen Zeitrechnung in vielen Theilen von Griechenland, und zwar zu derselben Zeit, als man den Sokrates unter der Anschuldigung der Lästerung der Götter zum Tode durch Gift verurtheilte. Unter den Vorwürfen, welche die böswillige Phantasie der Judenfeinde gegen unsre Glaubensgenossen zu ersinnen pflegt, steht der des Mangels an Reinlichkeitsliebe obenan. Wie wenig derselbe begründet ist, dafür legt wieder einmal der Bericht über eine „Karpathenreise" in der sonst nicht so gar judenfreundlichen „Augsburger Allgemeinen Zeitung" (Nr. 309, Beilage) Zeugniß ab. Es heißt in demselben: „Am reinlichsten waren boch die Judenhäuser in den Karpathengegenden. Auf dem Lande machen Juden die Wirthe, Aerzte, Kaufleute und Unternehmer zweiter Elaste, die erste Elaste nehmen die Deutschen ein, welche sich auch unter die Gutsbesitzer versteigen." Hieran knüpft der Reisende eine übrigens schon oft gemachte Wahrnehmung: „In dieser entlegenen Gegend fiel mir zum erstenmal auf, welch möglichst reines Hochdeutsch in den Judenhäusern gesprochen wird." Auf der Weiterreise bemerkte ihm einmal der Postschaffner: „Wenn die Deutschen und die Juden das Land nicht erhielten, müßte Ungarn auf dem Bauche liegen." Verlag von Baurngärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirsch seid, Verantwortlicher Redaeteur Dr, H. Lotze.

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