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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-23 · Heft 4 (23.1.1872) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 4 (23.1.1872)
Date
1872-01-23
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudmthums. Fellilleton-Geilage zu tlr. 4. Leipzig, den 23. Januar 1872. Vertrauliche Briefe. IV. Die nächsten Fragen wären nun: was hat der Mensch aus der Erde gemacht? und was macht er aus seinem eignen Leben? Es-ist eine schon öfter aufgeworfene Frage: hat die Civilisation dem Menschen mehr genützt oder mehr geschadet? Ich erinnere Sie nur au die Klagen Rousseau's über die Schäden, welche die Cultur dem Menschengeschlechts gebracht habe, und wie er mit seiner lebhaften Einbildungskraft die Rückkehr zur Natur so schilderte, daß der witzige Voltaire ihn deshalb verspotten konnte, weil er uns in die Wälder zurückführen und wieder mit Thierfellen bekleiden wolle. Von zwei Puncten aus griff man die Cultur an: sie schwäche dieleibliche und geistige Kraft des Menschen, so daß die Geschlechter nach und nach entarten, an Lebensdauer verlieren, an ihrer Körperkraft vermindert werden und das Feuer ihrer Seele, der Enthusiasmus, die Energie verlösche; und zweitens, daß die Cultur dem Menschen eine so übermäßige Fülle von Bedürfnissen nöthig mache, ihm eine solche Ueberreizung und Empfindlichkeit bereite, daß er darüber den Genuß des Daseins verliere und von Arbeit und Sorge erdrückt werde. Wie immer, wenn ernsthafte Männer etwas nachdrücklich behaupten, liegt auch in diesen Ansichten etwas Wahres verborgen. Und warum sollte die Cultur, diese mächtige und unüberwindliche Beherrscherin des Menschengeschlechtes, nicht ihre Schattenseiten haben und mit ihrem segensreichen Walten auch hie und da empfindlichen Nachtheil verbinden? Der Mensch, zum Kampfe bestimmt, soll diesen erkennen und auszugleichen streben. Aber genauere Untersuchungen haben auch theils die gänzliche Unrichtigkeit, theils die Uebertreibung in jenen Behauptungen nachgewiesen. Eine Verminderung der Lebensdauer hat in der geschichtlichen Zeit nicht stattgefunden, und die seit einem halben Jahrhundert so überaus vorgeschrittene Statistik lehrt das gerade Gegentheil, daß sich vielmehr mit den Fortschritten der Cultur, namentlich mit der Verbreitung ihrer Wohlthaten auf die niedern Ctassen, die Lebensdauer hebt, nachweislich sich bedeutend gehoben hat. Wie wäre sonst auch das große Wachsthum der Bevölkerung in allen Culturstaaten, trotz der bedeutenden Auswanderungen nach den Weltteilen der westlichen Erdhälfte, zu erklären? Mit Recht und gutem Erfolge hat die neuere Zeit auf die körperlichen Hebungenin der Jugend, sowie auf Luft und Licht in den Wohnungen, auf Wasser und Seife, auf bessere Nahrung und richtigere Behandlung der Nahrungsmittel u. dgl. für alle Claffen der Gesellschaft einen großen Werth gelegt und viel Aufmerksamkeit darauf verwendet. Es wird dadurch den schädlichen Einflüffen wirksam entgegengetreten, der Verbreitung und verderblichen Wirkung von Seuchen und Pestilenzen vorgebeugt, und wenn man die Erfolge einer vollständiger:: Cultur unsrer Zeit mit denen der mittelalterlichen Halbcultur vergleicht, so kann der Triumph der Civilisation nicht mehr angezweifelt werden. Ja, im großen Ganzen zeigt uns die Geschichte, daß in den ältern Zeiten nach kurzer Blüthe der Verfall der Völker viel schneller vor sich ging, als dies mit den jetzt in der civilisirten Welt bestehenden Nationen der Fall ist; daß vielmehr diese letztern wiederholt einen Berjüngungsproceß durchzumachen im Stande waren. Endlich ist es wohl ein nichtiger Vorwurf, daß die civilisirten Völker an Energie verloren hätten. Wer die Werke der civilisirten Welt während des letzten halben Jahrhunderts überblickt, und die Unternehmungen, welche die ganze Erde umfassen, die großartigen Ideen, welche, kaum gedacht, mit überraschender Thatkraft ausgeführt werden, die Hingebung und Selbstaufopferung, die nicht selten dabei geübt wird, der wird derartige Phrasen als grundlos zurückweisen. Doch sehen wir uns diesen interessanten Gegenstand etwas näher an. Unsre Kindheit, mein Lieber, war noch von jenen idyllischen Träumen umgaukelt, mit welchen empfindsame Dichter seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die sogenannten Naturvölker und Naturzustände umgaben. Von F6nelons Novellen und Geßners Idyllen bis zu Seume's Huronen und den Jndianerromanen von Cöoper hatten sie Asien, Afrika und Amerika mit Völkern lauterster Sittlichkeit, tiefster Weisheit und zartester Empfindsamkeit bevölkert, und die Hirtenstämme in ein Arkadien versetzt, das, ohne rauhen Taygetus, nur mit linden Luftwellen und klarem Sonnenglanze in den

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