Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1872)
- Date
- 1872-01-23
- Page
- Seite 66 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Kinder gemeinschaftlich zur Schule gehen, wollen wir Busenfteunde sein, und vom heutigen Tage an komme . ich, um bei Ihrer Familie das Mittagsmahl einzunehmen? Soviel ist gewiß, daß es einen wunderlichen Effect macht, einen Christen die feingebildete Nase vor den Israeliten rümpfen zu sehen in einem Lande, welches sich seiner Verträglichkeit rühmt, und durch dieselbe groß wurde. Hierzu kommt noch, daß die Israeliten zu allen Zeiten stets zu den ruhigsten und treusten Bürgern gehörten; daß viele derselben einen Stammbaum aufzuweisen haben, für den einzelne christliche Junker die Hälfte ihres Vermögens geben würden; daß es Israeliten giebt, die durch ihren Unternehmungsgeist für ihren Wohnort mehr gethan haben als mancher Christ; daß unsre Magistratur stolz ist auf israelitische Mitglieder von außerordentlicher Begabung; daß der Professorenornat auch israelitische Schultern deckt und, soviel wir wissen, nicht zu seiner Schande, noch zu seinem Nachtheil, während mir häufig zu Ohren gekommen ist, daß Aerzte israelitischer Confession nicht weniger als ihre getauften Collegen ihr Möglichstes thun, um Kranke zu heilen, selbst arme und schmuzige Kranke, welche mit einem „Gott segne Sie" bezahlen. Wenn sich jemand findet, der uns beweist, daß dem nicht so sei, so wird es uns angenehm sein, Belehrung zu empfangen. Außerhalb Rumäniens und Amsterdams sind derartige Ereignisse unmöglich. Außer dort und hier scheut man überall (?) vor solch veralteter kirchlicher Ausschließungssucht zurück. Der Israelit, welcher sich anständig benimmt, ist ein ebenso ordentlicher Mensch, als jeder von uns. Es ist lächerlich, ja mehr als lächerlich, selbst ärgerlich, dem widersprechen zu wollen. Wenn Ihr nichts andres gegen jemand anzuführen Habt, als daß er Israelit ist, so haben wir gegen Eucheinzuwenden, daß Ihr ein vorurtheilsvoller Christ seid, und wir ein wirkliches Hinderniß, unsre Kinder sich neben die Eurigen setzen zu lassen, darin finden würden, daß .... . Lieber Himmel! leben wir denn nicht in einem Lande, das einst der Zufluchtsort der gemarterten Kinder Israels gewesen? Und wird der Tag nie anbrechett, an welchem wir uns keines einzigen unsrer christlichen Mitbrüder wegen ihrer kleinlichen Gesinnung zu schämen nöthig haben? Solange die Synagogen nicht in Brand stehen durch die Gluth, welche von unfern Domkirchen ausstrahlt, und die Rabbiner des heutigen Israels nicht auf die Knie fallen, sobald sie einem Pfarrer oder Pastor begegnen, sollten wir, dünkt uns, etwas mehr Bescheidenheit zeigen. Seinen Nächsten für besser zu achten, als sich selbst, ist eine Tugend, zu welcher der große Stifter des Christenthums, der auch ein Israelit war, die Seinigen besonders ermahnt hat. Seht! wir wollen nicht predigen, aber das mußten wir Euch doch ein wenig Vorhalten.*) Persien. Aus Persien, Ende Oktober. (Privatmitth.) Wenn die in Persien wüthende Hungersnoth jetzt in Europa häufig zur Sprache kommt und für die Leidenden Unterstützungen erbeten werden, so hört man wohl öfter die Frage, woher dieser Mangel in so gräßlicher Gestalt entstanden ist. Das Uebel hat in diesem Jahre eine so erschreckende Höhe erreicht, weil bereits im vorigen Jahre Dürre und Mißwachs in Persien stattgefunden hat, da in beiyen Jahren im Gebirge wenig Schnee gefallen und der Mangel an Regen dadurch um so fühlbarer geworden ist. Wenn aber in diesem unglücklichen Lande die Natur einmal ihre Gaben versagt, so wird die Noch des armen Volkes nach den Zuständen des Landes sofort eine gränzenlose. Einerseits wird hier der Landbau noch in rohster Weise betrieben, und von irgend einer Verbesserung oder Nachhilfe ist keine Ahnung vorhanden. Der Landmann hat nur seinen eignen häuslichen Verbrauch iüt Auge und beschränkt sich mit seiner Arbeit hierauf. Wozu sollten ihn auch Mehrerträge dienen? Cotnmunicationsmittel sind fast gar nicht vorhanden, die Straßen von schlechtester Beschaffenheit, Wagen kaum gekannt. Erwägt man nun, daß die Perser mehrere *) Wir bemerken noch, daß die Zeitschrift, welche oben mitgetheilten Artikel enthielt, von einem protestantischen Geistlichen redigirt wird. Ueberhaupt ist es änzuerkeunen, daß in Holland ein beträchtlicher Theil der protestantischen Geistlichen sehr duldsam und liberal gesinnt ist und nach dieser Richtung hin wohlchätig wirkt. Schmähschriften gegen die Juden, wie sie in Deutschland leider noch so häufig erscheinen, sind in Holland ganz unerhört.