Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1872)
- Date
- 1872-01-23
- Page
- Seite 65 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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65 das nachfolgende bedauernswerthe, jedoch nicht selten vorkommende Factum an die Oeffentlichkeit gelange. Nachdem ich während 6 Monaten vergeblich auf die Gelegenheit gewartet habe, mein Töchterchen in der Friedrichsschule unterzubringen, weil es noch immer an freien Plätzen gebricht, um die vielfältigen Anfragen befriedigen zu können, habe ich mich an eine der hervorragendsten Privatschulen für Mädchen in hiesiger Stadt gewandt, und vorsichtshalber die Frage vorausgeschickt, ob die Schule israelitische Kinder aufnähme. Die Antwort der Directrice lautete, sie müsse, so leid es ihr thue, gestehen, daß sie durch die Mehrheit der Aeltern, deren Kinder ihre Schule besuchten, gezwungen wäre, israelitische Kinder zurückzuweisen, und daß sie sicherlich im Uebertretungsfalle des Verbots sofort eine Anzahl Schülerinnen verlieren würde, was in materieller Hinsicht ihr sehr nachtheilig wäre. Sind es nicht traurige Zustände, Herr Redacteur, welche diejenigen, denen die Erziehung der Kinder anvertraut wird, durch Unduldsamkeit Dritter mit ihrer Ueberzeugung, ihrem Berufe und ihren Interessen in so traurigen Zwiespalt bringen? Allen denen, welche, in rosenfarbigen Utopien besangen, die Privatschule als Hauptsache, die öffentliche als nur zeitweilig, und deshalb nebensächlich betrachten, mögen solche Vorkommnisse zur Warnung dienen. Jene hingegen, welche die öffentliche Schule als Mittel zur Toleranz und Annäherung hochschätzen, mögen sie zur Wachsamkeit für deren Erhaltung anspornen. Es ist überflüssig hier beizufügen, daß diese persönliche Angelegenheit, die an und für sich unbedeutend ist, von mir nur des liberalen Princips wegen erwähnt wurde, welches durch solche unwürdige Ausschließungen verhöhnt und geschändet wird. Amsterdam, 18. December 1871. Hochachtungsvoll A. C. Wertheim. Artikel aus der Ztg. „Nieuws yan den Dag." Nr. 548. Rumänien in Holland. Herr A. C. Wertheim theilt im Handelsölad am 19. December folgenden Vorfall mit (folgt ein Auszug vorstehenden Briefes). Das ist wirklich ein hübscher Vorfall. Ei, ei, sagt uns doch, was ist ein israelitisches Kind? Ist es etwas andres als ein Kind eines holländischen Staatsbürgers und dessen legitimer Ehefrau, welche beide einer besondern Confession angehören? Oder ist ein israelitisches Kind xer se ein schlechtes, ordinäres Kind, ein Kind mit unerträglichen Einfällen und Streichen, ein Kind, das 'gleich seinen Vorältern nach dem mittelalterlichen Volkswahne um Ostern nach Christenblut dürstet und den Heiland womöglich noch einmal kreuzigen möchte? Sagt uns doch, was geschehen kann (wir sagen nicht wird, sondern kann), wenn ein israelitisches Kind neben Euern rechtschaffenen, ordentlichen Christenkindern auf der Schulbank sitzt, und was die vermuthlichen Folgen sein werden, wenn die Kleinen miteinander spielen, oder auf den Straßen sich herumtummeln, oder auch wohl mit einander zanken? Besteht überdies eine unmittelbare Gefahr, daß das israelitische Kind Eure oder meine getauften Kinder zum Mosaismus bekehren werden? Sind die Rabbiner auch mit im Spiele? Besteht Gefahr vor Corruption durch geheime Fallstricke, vor .... ., enfin. vor einer oder der andern List, in der die Israeliten besonders geschickt sind, wie man erzählt, obschon ich sagen muß, daß es auch Christen giebt, selbst Mitglieder und Vorsitzende von Kirchenräthen, welche außerordentlich viel Schlauheit bei besondern Gelegenheiten an den Tag legen? Oder bangt Euch, Ihr christlichen Väter und Mütter, vor Bekanntschaften, welche bedeutende 'Folgen haben möchten? Fürchtet Ihr für Eure Söhne die Schönheit der netten Judenmädchen, oder für Eure blonden Töchter die rabenschwarzen Locken der Söhne Israels? Unsere Christlichkeit hat ja die Typen von Aposteln und Heiligen, welche uns aus Palästina zukamen, auch so schnell als nur möglich blond und weiß gemacht, damit ja nichts an ihrem orientalischen Ursprünge zu erkennen übrig bleibe. Endlich (ich nähere mich dem Schluffe meiner bescheidenen Fragen) müßt Ihr mir noch sagen, ob zu befürchten steht, daß die Kameradschaft der beiderseitigen Kinder zwischen Euch und der einen oder andern israelitischen Familie eine Vertraulichkeit entstehen lassen könnte, welche Euch ein für allemal nicht ansteht, weil .... ja weil Ihr bereits so viele Bekannte habt!... Seid Ihr vielleicht geängstigt durch den Gedanken, daß der Vater dieser kleinen Israeliten, welche Ihr unlängst Eures Töchterchens halber beinahe zum Thee eingeladen hättet, Eure christliche Schwelle betreten und Euch sagen würde: Da unsre 4*