Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1872)
- Date
- 1872-01-23
- Page
- Seite 61 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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zustellen , welche, obwohl im Gottglauben wurzelnd und beharrend, sich dennoch kritisch gegen die bestehenden kirchlichen Institute und Ansichten verhält. Was hierüber hinaus liegt, gehört auch sür ihn dem modernen Heidenthume an. Auf diesem Grunde versteht es sich von selbst, daß der Protestantismus nicht jene feste kirchliche Geschlossenheit, jene hierarchische Gliederung, jene Excommunication abweichender Meinungen besitzen kann und darf, wie der Ultramontanismus sie hat, und denen er jetzt fast die ganze katholische Welt unterworfen hat. Divergenzen im Protestantismus sind daher noch durchaus kein Beweis von Auflösung oder Verfall. Neben dem eigentlichen Protestantismus haben wir aber auch noch den Deismus, Theismus, Unitarismus, und diejenige Philosophie, welche den Gottesglauben zur Prämisse und Unterlage nimmt und innerhalb desselben ihre Gränzen findet. Auch diese kann der Vorurtheilslose niemals dem modernen Heidenthume zuzählen, denn das Heidenchum besteht nur entweder in der Läugnung Gottes oder in der Entstellung des Gottesbegriffs durch heidnische, d. i. polytheistische Elemente. Noch ganz anders verhält es sich mit dem von der „Germania" genannten „Resormjudenthume." Das Judenthum in seinem ganzen Bestände, in allen seinen Phasen von Moses bis auf das heutige Judenthum, ist der Gegensatz zu allem Heidenthume, war Gegensatz zum antiken, war und ist Gegensatz zum mittelalterlichen, und ist Gegensatz zum modernen Heidenthume. Es ist dieses der reine Monotheismus, der geschichtlich begründete, geschichtlich erhaltene und entwickelte Monotheismus, welcher schon durch fast vier Jahrtausende den einzigen und einigen Gott lehrte, den Schöpfer des Weltalls, den Schöpfer des Menschen in seinem Ebenbilde, die Vorsehung, die gerechte Vergeltung, die ewige Barmherzigkeit, den Allheiligen, der in keinem Bilde darzustellen ist und in keiner körperlichen Form, in keinem Menschen oder sonstigen Legränzten Wesen zur Erscheinung kommen kann, in dieser Weise von den aufeinander folgenden Geschlechtern des israelitischen Stammes und von denen, die sich ihm zugesellten, aufgefaßt und überliefert wurde, und als seine Consequenzen die Principien der Sittlichkeit und der menschlichen Gesellschaft verkündete. Daß diese Gotteslehre in ihrer historischen Verwirklichung auch eine cultuelle Gestaltung schuf, innerhalb welcher sie aus ihre Bekenner wirkte und für diese sichtbar und faßbar wurde, versteht sich von selbst; daß aber 61 diese cultuelle Gestaltung sich in den großen Epochen des Judenthums entwickelte und deshalb veränderte, weiß jedermann; wir brauchen nur an die große Umwandlung des Opfercultus in den Gebetcultus zu erinnern, und wie im Laufe der Zeiten ein großes Stück des Gesetzes nach dem andern, der Stellung und den Verhältnissen der Juden außerhalb des heiligen Landes und inmitten der Völker gemäß, in Wegfall kam. Das sogenannte Reformjudenthum, nicht wie es sich in ganz vereinzelten Aeußerungen kundgethan har, sondern wie es wirklich ist und sich bethätigt, will nichts andres als die continuirliche Entwicklung des Judenthums. Es läßt den ganzen Lehrinhalt des Judenthums aufrecht stehn, hält die Principien seines Sittengesetzes und seines socialen Gesetzes fest, übernimmt auch seine ganze historische Erscheinung, will aber die cultuelle Gestaltung des Judenthums nach der gänzlich veränderten Stellung, nach den gänzlich modificirten Lebensverhältnissen der Juden und ihren gegenwärtigen geistigen Bedürfnissen gemäß umformen, wobei es die cultuelle Gestaltung, wie sie ihm überliefert worden ist, annimmt, und als die Basis ihrer Umformung betrachtet. Sowie nach dem Falle Jerusalems und des Tempels und der gänzlichen Zerstreuung der Juden das cultuelle Gesetz eine Umformung erfuhr und nach den neuen Verhältnissen unter den Völkern so zu sagen umgegossen wurde, ebenso ist dies jetzt, nachdem die Juden das materielle und geistige Ghetto verlassen und die Theilnahme am allgemeinen Culturleben gewonnen haben, unerläßlich und berechtigt. So ist das wahre Reformjudenthum, das also mit dem modernen Heidenthum nichts gemein hat, aber zu Gunsten der wahren menschheitlichen Entwickelung mit ganzer Energie dem mittelalterlichen Heidenthume der „Germania" widerstreitet. — Der schnell aufeinander gefolgte Tod der Oberrabbiner Ettlinger in Altona und Schreiber in Preßburg wird einen sehr fühlbaren Einfluß auf die orthodoxe Partei üben. Jene Männer standen noch in der wahren Orthodoxie und repräsentirten bedeutende Talmudgelehrte. Sie waren es zugleich, an welche sich die Neuorthodoxen, wie Hildesheimer, Enoch, Hirsch, Lehmann, anlehnten. Mit ihrem Tode sind die Mitglieder zwischen den letztern und der wahren Orthodoxie geschwunden, und die Neuorthodoxen, die zugleich wirklicher Talmudgelehrsamkeit baar sind, sehen sich isolirt, auf sich selbst angewiesen, ohne Stütze und ohne