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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-23 · Heft 4 (23.1.1872) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 4 (23.1.1872)
Date
1872-01-23
Page
Seite 60 (sequence 6)
Language
German
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Wichtigkeit und Bedeutung des Studiums der rabbinischen Schriften aufmerksam zu machen, wofür wir ihm also doppelt danken müssen. Auch Herr A. Neubauer erwarb sich um die Herausgabe des alten Commentars viele Verdienste, die Herr Driver hervorhebt. Druck und Ausstattung, besorgt von Oskar Leiner in Leipzig , sind wahrhaft splendid. Rabbiner Oppenheim. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 12. Januar. (Privatmitth.) Das gegenwärtige Hauptorgan des Ultramontanismus in Deutschland, die hier erscheinende „Germania", stimmt in einer ihrer jüngsten Nummern ein Triumphlied an, das freilich mehr erkünstelt als wirklich empfunden ist. Sie meint, alle bisherigen Angriffe auf den Katholicismus hätten sich als unwirksam erwiesen und Bestand und Herrschaft desselben über das Volk nicht im geringsten erschüttert; dagegen sei der Protestantismus so gut wie in der Auflösung begriffen, und auch „das Reformjudenthum streife immer mehr jedes Specifische ab," so daß es bald nur noch zwei streitende Mächte geben werde: den Katholicismus und das moderne Heidenthum; auf wessen Seite dann der Sieg sein werde, könne nicht zweifelhaft sein. Diese Phrasen sind doch einiger Beleuchtung werth, und da die Germania alles, was nicht ultrawontaner Katholicismus ist (denn nur diesen vertritt sie), modernes Heidenthum nennt und hierzu auch das „Reformjudenthum" zählt, so wird sie uns gestatten müssen, ihr auch unsere Meinung unumwunden zu sagen. Wir meinen nämlich, daß es dreierlei Heidenthum giebt: das antike, das mittelalterliche und das moderne Heidenthum. Das antike Heidenthum ist vorüber und besteht nur noch in den Schriftwerken und Denkmälern des Alterthums. Das mittelalterliche Heidenthum ist der ultramontane Katholicismus, der im Beginne des Mittelalters seine Fundamente legte, im Verlaufe des Mittelalters seinen Bau aufführte, und erst jetzt sein Gebäude durch Encyklica, Shllabus und Jnfallibilitätsdogma krönte. Das moderne Heidenthum besteht im modernen Pantheismus- Materialismus, Atheismus, mit ihren Nuancen in verschiedenen Philosophenschulen der jüngsten Zeit Hypothesen von Naturforschern u. dgl. mehr. Ein Kampf zwischen diesen letzteren und dem ultramontanen Katholicismus würde nach unserer Ansicht nur ein Streit zwischen zwei Heidenthümern, dem mittelalterlichen und dem modernen, sein, und in der That wäre es fraglich, wenn diese beiden allein übrig geblieben und im Kampfe mit einander wären, wessen Sieg mehr den gänzlichen Verfall der civilisirten Welt bedeuten würde. Die Germania mag uns nennen wie sie will; sie muß uns jedenfalls vön unserem jüdischen Standpuncte aus das Recht lassen, den ultrawontanen Katholicismus als mittelalterliches Heidenthum ansehen zu dürfen, und zwar mittelalterlich der Zeit und der Geistesrichtung nach, die ihn begründet und aufgebaut haben, sodann Heidenthum, denn, abgesehen von anderen Dogmen, dem Cultus Verstorbener, und anderen Einrichtungen, muß dem Juden besonders die einer Institution und einem ein gewisses Amt bekleidenden Menschen zugeschriebene Unfehlbarkeit, also Göttlichkeit, heidnisch erscheinen. Glücklicherweise liegt aber zwischen dem ultrawontanen Katholicismus und dem wirklichen modernen Heidenthume noch ein weiter Raum, den nur die Leichtfertigkeit und die Anmaßung (um das mildeste Wort zu gebrauchen) der „Germania" und ihrer Parier so schnell überspringen und als gar nicht vorhanden ausgeben kann. Fassen wir nämlich die Worte jenes Blattes genauer in's Auge, so meint es, Religion bestehe nur in einem gewissen Complex althergebrachter, aus dem Mittelalter überlieferter Ceremonien, sogenannter kirchlicher Werke, bei deren Uebung es weder auf die Gedanken und Gefühle, noch auf die Sittlichkeit ankomme. ' Religion ist der „Germania" daher nur der semipelagianische, ultramontane Katholicismus und das stabil orthodoxe Judenthum, denn, trotzdem dieses letztere in Lehre und Geistesrichtung solchem Katholicismus vollständig widerspricht, besitzt es doch ebenfalls einen unabänderlichen Ceremoniencomplex, den es aus der göttlichen Autorität herleitet und darum für die unerläßliche Bedingung des Seelenheils seiner Bekenner betrachtet. Es ist nun nicht unsre Sache, die Ansichten der „Germania" über den Protestantismus zu rectificiren. Wir meinen, daß der Protestantismus von Beginn an verschiedene Geistesströmungen nothwendiger Weise durchging, um einmal eine strenge Kirchlichkeit in Dogmen, kirchlichen Einrichtungen und Ceremonien, und sodann eine freiere geistige Thätigkeit wiederher-

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