Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1872)
- Date
- 1872-01-23
- Page
- Seite 57 (sequence 3)
- Language
- German
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Heilungen unter den heidnischen Völkern durch die ganze damalige Welt zerstreut, überall unfreundlich ausgenommen und feindlich behandelt, wie hätte der jüdische Stamm Widerstand leisten können, wenn seine Existenz nur auf einigen allgemeinen Begriffen beruht hätte, wenn nicht jeder einzelne von Kindesbeinen an durch feste Gewohnheiten, durch beherrschende Satzungen, deren Verletzung ihm einem Verbrechen, einer strafbaren Uebertretung des göttlichen Willens gleich kam, unverbrüchlich daran gebunden gewesen wäre? Nichts ist daher sicherer, als daß diesem talmudisch-rabbinischen Gesetze allein die Erhaltung des Monotheismus im jüdischen Stamme durch alle folgenden Zeiten zu verdanken ist. Der Begriff der Nationalität bekam hier einen ganz anderen Inhalt, als er sonst besitzt. Die Juden hatten längst keine Volkssprache mehr, ein sonst so wesentliches Element der Nationalität. Die hebräische Sprache war ihnen nur Sprache der heiligen Schrift und des Cultus, und hieß daher laschon hakadosch „die heilige Sprache." Nicht blos jeder geographische Mittelpunct, sondern auch jedes geistliche und politische Centrum mangelte ihnen, und keine Landschaft bestand, in welcher sie die eigentliche Bevölkerung ausmachten. Was man daher sonst Nationalität nennt, war bei ihnen die Abstammung, welche sie bewahrten, die religiöse Ueberzeugung, und das nach dem religiösen Gesetze gestaltete eigenthümliche Leben, also eine organische Verschmelzung des Nationalen und des Religiösen, in welcher weder das eine noch das andere prägnant sich ausdrückte, sondern beide nur in der gegenseitigen Verquickung bestanden. Dennoch fand bei ihnen zu Zeiten, wenn die Völker, unter welchen sie lebten, ihnen dazu freien Spielraum ließen, mehr oder weniger ein Eingehen in das allgemeine Leben statt, bis es eben diesen Völkern abermals gefiel, sie von sich zu stoßen und in völlige Abschließung hineinzudrängen. Dies geschah, als das Christenthum die Herrschaft der abendländischen Welt antrat. So weit es sich aus den Büchern des neuen Testamentes erkennen läßt, war das Christenthum in seinem ersten Ursprünge wieder einmal eine Bewegung der universellen Geistesströmung im Iudenthume. Eine solche ist erklärlich aus der tiefen Unruhe jener Zeit, wie sie sich namentlich in der Sectenbildung bethätigte. Aber die entgegengesetzte Richtung war in der jüdischen Masse so mächtig, daß diese Bewegung nicht aufkornmen konnte, wie denn auch jene alle diese Secten bald wieder verschlungen hat. Da also diese.: Bewegung im Innern des Judenthums keinen. Boden fand, wandte sie sich nach außen, um, waS sie aus dem Iudenthume mit sich nahm, unter , die Heidnischen Völker zu verbreiten. Hiermit war aber nothwendig verbunden erstens die Aufhebung des jüd. Gesetzes, vor allem das der Beschneidung, und zweitens die Aneignung heidnischer Elemente, der Aufbau von Dogmen, welchen die heidnischen Völker zugänglich waren, die aber gerade deshalb dem jüdischen Monotheismus erst recht widersprachen, wie z. B. die im Orient und Occident verbreitete Menschenvergötterung,*) die Ausdehnung des Monotheismus zum Dreifaltigkeitsdogma, die Erbsünde, die Erlösung durch den Tod Jesu und der Glaube hieran u. s. w. Hiermit war den Juden dem Christenthume gegenüber dasselbe Verhältniß geboten, in welchem sie zur bisherigen Welt gestanden hatten. Wie ihre religiöse Ueberzeugung dem Christenthume widersprach, wie ihr eingewohntes Gesetzesleben von ihm verneint wurde, so war auch ihre Mission, den reinen Monotheismus zu erhalten, noch immer bestehen geblieben. Das Christenthum seinerseits wandte sich nach Ueberwindung des Heidenthums gegen das Judenthum und die Juden, und sah in ihnen nur Opposition und Gegner. Hatten nun die Juden als römische Bürger sich dem allgemeinen Leben unter dem Scepter des heidnischen Rom so zugewandt, daß nicht Llos in allen Zweigen des öffentlichen Lebens Juden fungirten, sondern auch einzelne von ihnen so lax in der ererbten Anschauung wurden, daß sie sogar als Schauspieler auftraten, so begann sofort das herrschend gewordene Christenthum sie aus allen diesen Bahnen auszustoßen, aus allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu verbannen, ihnen so viele Beschränkungen aufzulegen, daß sie allmälig zu einer völlig abgesonderten und ganz für sich allein existirenden Körperschaft wurden, die nur durch einige wenige Fäden mit dem allgemeinen Leben zusammenhing. So bewirkten die äußern Verhältniffe ebenso wie die innere, Gestaltung eine Jsolirung der Juden mitten unter den christlichen, sowie den muhammedanischen Völkern, um das' Judenthum dem Christenthum und Islam gegenüber zu erhalten. Wer vermöchte hier das providentielle Geschick zu verkennen? Christenthum und Islam waren Emanationen des Judenthums für das Abend- und Morgenland, Ausflüsse des jüdischen Geistes, dessen innerste Anschauungen so zum Lebenselement der christlichen und muhammeda- *) Siehe vor. Jahrg. S. 733. 753. 775. 795. 4*