Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1872)
- Date
- 1872-01-16
- Page
- Seite 53 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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53 Juden aus Polen geschah in Folge der Verarmung und der fortdauernden Leiden, die sie durch die Verfolgung der Russen und des mit diesen in Verbindung getretenen Kosakenhetmans Chmelnicki zu erdulden hatten. Unter den schrecklichsten Grausamkeiten wurden die Juden hingemordet und eine große Anzahl von Gemeinden vollständig ausgerottet, so daß derjenige glücklich zu nennen war, dem es gelang, nur mit dem nackten Leben nach Deutschland oder Holland zu entkommen. In Schleswig-Holstein wurde ihnen Gewerbesreiheit und noch manche andre Begünstigung zu Theil, doch beschäftigten sie sich alle nur mit dem Handel alter Kleidungsstücke, und dieses hat sich sogar bis auf die Jetztzeit fortgeerbt, so daß man hier selten einen jüdischen Kaufmann von Fach trifft. Auch jüdische Handwerker sind hier nicht häufig, wenn sie nicht aus den alten Provinzen eingewandert sind. Doch bei alledem waren die ersten Einwandrer ehrliche und rechtschaffene Leute, und verstanden es, sich bald die Achtung ihrer christlichen Mitbürger zu erwerben. Sechs Tage wanderten sie mit dem Bündel auf dem Rücken in den Dörfern umher und fristeten sich mit trockenem Brote das Leben, doch am Freitag Nachmittag kehrten sie zur heimischen Stätte zurück, und die Stadt hatte alsdann eine jüdische Gemeinde. Einige Jahre später 1621 und 1622 finden wir auch in Friedrichstadt und Altona Juden, welche Städte ebenfalls wie Glückstadt vor andern durch Zulassung fremder Religionsparteien begünstigt wurden. 1630 ertheilte Christian IV. von Dänemark den Juden in Glückstadt eigene Privilegien, während die Juden in Friedrichstadt und, Altona solche erst 1664 von Herzog Friedrich erhielten. Die vierte jüdische Gemeinde, welche bald darauf entstand, war die zu Rendsburg. Im Jahre 1690 wollte Herzog Friedrich l von Schleswig-Holstein die alte Feflungsstadt Rendsj bürg auf der rechten Seite der Eider erweitern, und j nahm hier, wie in Glückstadt, Friedrichstadt und Altona, verschiedene Religionsparteien auf. Unter diesen befand sich auch ein Jude, Namens Lewin Holländer, der nach der Erzählung ein Baumeister gewesen sein soll. Bald sammelten sich noch einige jüdische Familien, und so entstand die Rendsburger jüdische Gemeinde. Im Jahre 1694 wurde ihnen aus ihr Ansuchen von dem damaligen Stadt- und Festungscommandanten General Fuchs die Erlaubniß zur Erbauung einer Synagoge zu Theil, jedoch mit der besonderen Bemerkung, keine gewölbte Decke im Betsaale anzubringen. Diese Beschränkung wurde jedoch später noch während des Baues zurückgenommen, was den ärgsten Unwillen der schleswig-holsteinischen Geistlichkeit erregte. Zugleich wurde ihnen eine Sanddüne in der Nähe des neuen Stadtviertels, in dem sie allein wohnen durften, zum Begräbnißplatze angewiesen. Durch mancherlei Umstände begünstigt, wuchs die kleine Gemeinde zu einer zahlreichen heran, und bildete mit der Zeit einen nicht geringen Theil der städtischen Bevölkerung. In allen Städten des Landes in'besonderen Ghetti wohnend, blieben sie in diesem Zustande bis zu der Zeit, wo Preußen 1864 die Herzogtümer in Besitz nahm. In allen Gemeinden hatten die Juden ihre eigenen Armen- und Schulcommunen, und standen in Rechtsstreitigkeiten unter dem jüdischen Gerichte in Altona, dessen Präsident der jeweilige Oberrabbiner oder, besser gesagt, Oberlandesrabbiner war. Ihr Gemeindewesen befand sich immer in den besten Verhältnissen, was noch heute leicht erkennbar ist. In der Gemeinde Rendsburg hatten Männer wie Rheindorff, S. A. Simon, I. E. Meyer, M. P. Jakob, S. Joseph u. a. stets mit rastlosem Streben auf Gründung von Legaten hingewirkt. Die Genannten haben sich durch ihre großen Verdienste um die Gemeinde unsterblich gemacht. Sie haben sich während ihrer langjährigen Amtsführung als Vorsteher mit Hintansetzung ihrer eigenen Geschäfte stets nur für das Wohl der Gemeinde intereffirt. Ungern ließen sie einen Fremden in ihren Gemeindeverband, und duldeten ihn nur dann, wenn er sich in der Stadt ein Grundstück erwarb. So zeigt man noch heute in Rendsburg ein kleines verfallenes Haus, eher eine Hütte zu nennen, das die neuen Ankömmlinge einer vom andern erwarben, weil dazu nur eine kleine Kaufsumme nöthig war. Einem ledigen, jungen Manne gestatteten sie nur dann die Erlaubniß zur Niederlassung, wenn er ein Mädchen aus der Gemeinde heirathete. Obwohl sie also, wie man hieraus sieht, von Seiten der Behörden und der Bürger in den Herzogthümern sehr gut behandelt wurden, so waren sie doch gegeneinander sehr unduldsam, und des Dichters Worte fanden hier keinen Wiederhall: „Von hinnen will ich schreiten, den Wanderstab zur Hand, Ein Land der Freiheit suchen, nach Holland, Engelland. Der Druck hat hier die Juden Bedrückung auch gelehrt; Wohl wird er Duldung üben, wo Duldung er erfährt." So nur unter sich lebend, von der Außenwelt streng abgeschlossen, machten ihnen endlich die Ereignisse des 19. Jahrhunderts Aussicht auf die läng ersehnte bürgerliche Gleichstellung. Doch so schnell ging diese Angelegenheit der Juden in de» Herzogthümern nicht, denn als im Jahre 1840 in den schleswig-holsteinischen Ständen von der Emancipation der Juden die Rede war, legte wohl mancher Biedermann einige beherzigenswerthe Worte für die Juden ein, doch der alte Zopf des Junkerthums und der blinde Eifer der Geistlichkeit spien Gift und Galle gegen die Emancipation, und brachten alte Anschuldigungen und verknöcherte Vorurtheile gegen die armen friedliebenden Juden vor. 'Selbst Männer, wie Graf v. Baudisstn, v. Holstein, v. Reventlow u. a. wetteiferten mit einander gegen die Ansprüche der Juden, „da sie nur Geduldete im Lande seien." Alles Entgegnen vo'n Seiten der Bessergesinnten blieb fruchtlos, und die Juden mußten in ihrer alten schmerzlichen Abgeschlossenheit ver-