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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-16 · Heft 3 (16.1.1872) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 3 (16.1.1872)
Date
1872-01-16
Page
Seite 52 (sequence 20)
Language
German
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W^W MUW m UMMWM WWWWTKWM beruf sich wählen, dem er mit ganzer Seele und allen Kräften anzugehören hat. Es ist nur zu wahr, wer vieles ergreift und verfolgt, verfehlt alles, denn er zersplittert seine Kraft, vermag nichts zu vollenden. Wer groß sein will, muß dies in einem begränzten Gebiete zu werden streben, und der mittelmäßig Begabte kann doch noch etwas Bedeutendes leisten, wenn er sich auf einen einzelnen Gegenstand concentrirt. Das alles ist wahr, und widerspricht dennoch dem Satze nicht, den ich aufgestellt habe. Die Wisfenschaft ist gegenwärtig im Vergleich mit früheren Zeiten so erweitert und vertieft, daß selbst ein großes Genie sich auf eine Specialität beschränken muß, wenn es etwas Außerordentliches leisten will. Dennoch aber sind alle Gebiete der Wissenschaft so mit einander verbunden, und stehn in einem so lebendigen Zusammenhänge unter einander, daß niemand ohne Kenntniß der andern, wenigstens aller mit jener verwandten, in einer einzelnen einen wesentlichen Fortschritt zu machen vermag. Die Ergebnisse in der einen Specialität haben einen so großen Einfluß auf die andern Zweige, daß auch die Kenntniß jener für den Fortschritt in diesen unentbehrlich ist. Und wie in der Wissenschaft, so verhält es sich nicht minder in allen Lebenskreisen, in allen Thätigkeiten und Berufsarten der Menschen. Zunächst bedarf es für jeden, der unsrer Zeit wahrhaft angehören und in seinem Leben vorwärts kommen will, einer allgemeinen Geistesbildung, die allein ihn befähigt, sowohl seinen speciellen Beruf tüchtig zu erfassen und zu betreiben, als auch sich mit dem übrigen Leben in lebendigem Zusammenhänge zu erhallen; wenn er nun dieses letztere verabsäumt, oder wenn er durch die Beschränktheit seiner allgemeinen Bildung nicht dazu geeignet ist, wird er auch in seinem speciellen Berufe mehr oder weniger Nachtheil davon empfinden. Auch ist es ja nicht zu verkennen, daß das Aufgehen in eine Specialität eine Einseitigkeit hervorbringt, welche mehr oder weniger geistestödtend wirkt und das Individuum für alle andern Anforderungen des Lebens unfähig macht. Die Gelehrten und die Zünftler der früheren Jahrhunderte haben dies in erschreckender Weise bethätigt und dadurch ihre Zeit und ihr Vaterland sehr zurückgehalten und ihnen mehr geschadet als genützt. Unsre Zeit hat erwiesen, daß der Anspruch allgemeiner Bildung durch eine zu befürchtende Oberflächlichkeit der erfolgreichen Forschung und Vertiefung des Speciellen keinen Abbruch thut, sondern vielmehr diese in überraschender Weisefördert. Zugeben will ich, daß sowohl im Reiche des Sittlichen wie des Intellektuellen die Leidenschaft und die Einseitigkeit oft einen bedeutend größern Erfolg als die Besonnenheit und die ausgedehnte Theilnahme erwirkt. Haß, Ruhmsucht, Habgier lassen den Menschen oft, auch ohne daß ihm für den Augenblick die erforderlichen Kräfte zu Gebote stehn, etwas in einem Maße wagen und erreichen, wie es Mäßigung, Weisheit, ruhige Abwägung von Ursache und Wirkung, von Ziel und Mittel nicht vermögen. Aber auf den Erfolg kommt es uns ja nicht an, denn dieser giebt uns nicht den Maßstab für den Werth oder Unwerth der Motive. Auch bleibt es in den meisten Fällen fraglich, von welcher Wirksamkeit der Erfolg ist, und ob nicht größere Uebel in seinem Gefolge sind, als er beseitigt hat. Ich glaube also, daß wir darin einig sind, daß der Mensch für die Mitte, für das Maßhalten bestimmt sei. Ist dies aber der Fall, so ist es auch klar und erwiesen, daß für ihn weder ein Uebermaß des Glückes noch ein Uebermaß des Leides und des Schmerzes bestimmt ist, sondern daß der Schöpfer selbst die Erdenwelt für den Menschen so eingerichtet hat, daß für ihn Freude und Leid, Glück und Unglück, Lust und Schmerz gleichmäßig vorhanden sind und es nun in seine Hand gegeben ist, von den einen wie von den andern sich seinen Theil zu verschaffen. Niemand ist der Uebel überhoben, niemand von den Wohlthaten ausgeschlossen, oder, wie unsre Weisen sagen: „Der Tisch ist für Alle zugerichtet." Die Juden in den Herzogthiimem Schleswig-Holstein. Bon H. H. Ksinsky, Prediger. , Der furchtbare dreißigjährige Krieg ging endlich seinem Abschlüsse entgegen, und die stete fieberhafte Aufregung, in welcher Europa lebte, begann allmälig zu schwinden. Matt und schlaff lagen alle Staaten im Herzen Europa's darnieder, und als man zur Besinnung zurückkehrte, sah man statt blühender Städte und Dörfer.Schutthaufen und Ruinen, statt üppiger Gärten und Aecker Sümpfe und Wüsteneien. Kurz ganz Deutschland befand sich damals in einer gränzenlosen Schwäche und Zerrüttung, die nur durch besondere weise Gesetze und gemeinnützige Einrichtungen zu beseitigen waren. Es galt nun vor allen Dingen, die zerstörten Städte wieder aufzubauen und zu bevölkern. Doch Staatsmittel waren dafür nicht vorhanden, da fast alle Caffen. durch den furchtbaren Krieg erschöpft worden waren. Da machten es die Fürsten von Schleswig-Holstein, denen das Wohl ihres Landes sehr am Herzen lag, wie Romulus und Remus, sie öffneten ihre Städte den Verbannten andrer Länder, und trafen dabei die weise Einrichtung, alle Confeffionen ohne Unterschied aufzunehmen. Ein solcher Erlaß vom Jahre 1617 brachte die ersten Juden nach Schleswig- Holstein. Zuerst finden wir sie in Glückstadt, und unter ihnen befand sich der berühmte Joseph del Medigo, Mathematiker und Kabbalist. Woher sie kamen, läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben, wahrscheinlich aus dem Königreich Polen, da hierfür manche Gründe sprechen, z. B. der polnische Minhag, der überall eingeführt ist. Die Veranlaffung zur Auswanderung der

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