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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-16 · Heft 3 (16.1.1872) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 3 (16.1.1872)
Date
1872-01-16
Page
Seite 51 (sequence 19)
Language
German
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Allgei eine Zeitung des Zirdenthmns. FeuiUelon-Mlage zu Nr. 3. Leipzig, den 16. Januar 1872. Vertrauliche Briefe, m. Nach meiner Ansicht kann eine objective Beantwortung der uns beschäftigenden Frage nur auf folgendem Wege erlangt werden. Jede treue Beobachtung, jede unparteiische Prüfung lehrt uns, daß die Natur den Menschen als Bewohner dieser Erde zur Einhaltung des Maßes, zur Beschreitung und Verfolgung eines Mittelweges bestimmt hat. Jedes zu viel oder zu wenig, jede Ausschreitung nach rechts oder nach links, jeder Mangel auf der einen und Ueberfluß auf der andern Seite schädigt den Menschen, bereitet ihm Schmerz und Leid, ja die Gefahr, sein Ziel zu verfehlen. Es ist dies keine neue Weisheit; aber so . gewiß die Natur des Menschen bereits seit Jahrtausenden dieselbe ist, so gewiß müssen bestimmte Wahrheiten unverändert dieselben bleiben, und je älter sie sind und je öfter sie wiederholt werden müffen, desto fester muß unser Vertrauen auf sie sein. Die gänzliche Unterdrückung dessen, was Gott als Trieb in uns gelegt hat, sei es leiblich, sittlich oder intellectuell, ist vom Nebel; aber ebenso untergräbt es unsre Existenz, zerstört die Harmonie unsers geistigen und leiblichen Daseins und führt uns in die Irre und zum Untergang, wenn wir einem dieser Triebe unmäßig huldigen und ihm vernünftige Schranken zu setzen nicht stark genug sind. Brauche ich Ihnen für die Richtigkeit dieses Satzes Beweise zu bringen? Wahrlich nicht. Sie drängen sich uns täglich auf und ergeben sich an uns selbst, wenn wir einen prüfenden Blick auf uns werfen. Daß dauernder-Mangel, aber ebenso gewiß jedes Uebermaß des Genusies unsre körperliche Gesundheit untergräbt, wer weiß es nicht, und wer gewahrt nicht die Folgen beider Uebel täglich um sich her? Ich möchte behaupten, daß alle Krankheiten, alles körperliche Siechthum hieraus entspringen, nur daß wir die Ursachen, die oft in weiter Vergangenheit liegen, selten zu erkennen vermögen; ich möchte behaupten, wenn wir im Stande wären, stets das richtige Maß sowohl in unsern leiblichen Genüssen und Zustanden als in den Einflüssen der Elemente auf uns einzuhalten, würden wir uns einer steten Gesundheit zu erfreuen haben und unser leibliches Dasein sich in der natürlichsten Weise vollziehen. Die Natur hat den Menschen durchaus nicht zur Entbehrung bestimmt, aber ebenso wenig zu irgend einem Uebermaße. Wenn sie ihn dabei mit einer großen, manchmal bewunderungswürdigen Zähigkeit ausgestattet hat, so daß er öfter bedeutende schädliche Einflüsse lange ertragen kann, ohne zu unterliegen, so beweist dies für des Schöpfers väterliche Fürsorge, nicht aber gegen unsern Satz. In gleicher Weise verhält es sich in der ganzen sittlichen Sphäre, und der unparteiische und erfahrne Beobachter wird mit Aristoteles und Maimonides darin überein stimmen, daß die Tugend in der Mitte zwischen zweien Extremen, d. h. Lastern, zu suchen ist. Wie zwischen Verschwendung und Geiz die Sparsamkeit, zwischen Schwäche und Grausamkeit die Milde, zwischen Leichtsinn und Pedanterie die Besonnenheit als Tugend steht, ebenso können wir dasselbe in allen sittlichen Eigenschaften erkennen. Darf doch selbst die Liebe nicht zur Schwäche, zur unvernünftigen und gewissenlosen Hingebung und Nachsicht entarten; darf doch selbst die Liebe zu Einem Gegenstände nicht so excessiv werden, daß dadurch die Gefühle für andre, die unserm Herzen nahe stehn und Anspruch auf unsre Neigung haben, ganz und gar abgeschwächt werden. Mögen die Philosophen sich in noch so vielen und schönen Definitionen von Tugend, Pflicht und Recht ergehen, die Erfahrung selbst zeigt uns stets, daß das Rechte nur in der Mitte zwischen zweien Extremen, die beide das Unrecht sind, besteht. Und dafür liegt der Beweis auch darin, daß jede Neigung für das eine, jede übermäßige Zuwendung nach einem stets in der Leidenschaft beruht, während doch die wahre Tugend niemals in den Jnstincten, in der Gluth und dem Sturme der Leidenschaft, sondern vielmehr in der mit Bewußtsein vollbrachten That und Aufopferung sich bewährt. Im Jntellectuellen scheint es auf den ersten Blick sich anders zu verhalten. Die große Arbeit des Menschengeschlechts hat von Anfang an zur Arbeitsteilung geführt, und diese wird um so größer, je mannichfaltiger und umfassender die Arbeit der Menschheit bereits geworden ist und noch werden wird. Jeder Mensch muß einen Lebens-

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