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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-16 · Heft 3 (16.1.1872) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 3 (16.1.1872)
Date
1872-01-16
Page
Seite 38 (sequence 6)
Language
German
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Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 6. Januar. (Privatmitth.) Vor noch nicht langer Zeit machte man den Führern der Neuorthodoxen den Vorwurf, daß sie zwar viel raisonniren und schimpfen, aber nichts thun könnten, und jede reelle Wirksamkeit für das Judenthum denen überließen, die sie mit ihren Verketzerungen überschütteten. Der Vorwurf traf, und sie suchen jetzt alles Mögliche hervor, um sich als thätig und fördersam zu erweisen. Sie verfallen aber dabei nur in das Gegentheil. Nachdem sie zuerst ihre Gegner nachzuäffen begannen, indem sie ihnen ihre Druckschriften nicht blos in der Einrichtung, sondern bis auf Format und Typen nachahmten, sind sie einer Projectenmacherei verfallen, die an das Gebiet des Lächerlichen streift. Ob ein wirkliches Bedürfniß vorhanden sei, ob das Project den Verhältnissen und Zuständen entspreche, ob ihm überhaupt etwas Wahres zu Grunde liege, ja ob sich auch die Realisiruug nur annähernd erwarten lasse, das kümmert diese Herren, Dr. Hildesheimer an der Spitze, nicht im geringsten. Es kommt ihnen nur darauf an, Lärm zu machen, ihren Namen nennen zu lassen und sich als die Beschützer des frommen Judenthums zu geberden. Ob sie dadurch der wahren Wohlthätigkeit einen großen Schaden zufügen, den Sinn für die allgemeinen Interessen unserer Glaubensgenossenschaft durch den wiederholten Mißbrauch abstumpfen und das Streben für gemeinnützige Werke lächerlich machen, das schafft ihnen keine Sorge. Eine falsche Nachricht sagt ihnen, es seien jüdische Grabmäter bei Jerusalem verletzt worden, und sofort rufen sie zur Bildung eines Vereins auf, die jüdischen Grabmäler bei Jerusalem wiederherzustellen, Dann wieder bilden sie einen Verein, Herbergen und Pilgerhäuser für Juden im heiligen Lande zu errichten; dann projectiren sie, jüdische Colonien im heiligen Lande mit strenger Einhaltung des Schulchan- Aruch zu gründen, und dies alles ohne Sachkenntniß und ohne genügende und Vertrauen erweckende Mittelspersonen zu haben oder angeben zu können. Hieran knüpfen sich dann sich selbst überstürzende Pläne für Vereine localer Natur, selbstverständlich immer mit einer nur allzu sichtbaren Spitze zu einem streng orthodoxen Zwecke. Fragt man nach einiger Zeit nach dem, was aus allen diesen Projecten geworden ist, so wird man ein höchst geringes Resultat finden, wenn nicht, wie in den meisten Fällen, alles längst der Vergessenheit anheim gefallen ist. Mit dieser tumultuarischen Unruhe geht natürlich die Feindseligkeit gegen jedes Unternehmen Hand in Hand, welches von Männern ausgeht, die nicht zu ihrer Farbe gehören, wenn es auch noch so trefflich ist und in keiner Weise Orthodoxie oder Reform berührt, und die Unternehmer sich noch so viele Mühe geben, die Neutralität ihres Bodens nachzuweisen und die Herren Neuorthodoxen in Mitthätigkeit zu ziehen. Eine Zeit lang lassen sich diese Herren das Liebäugeln mit ihnen gefallen; sobald sie aber sehen, daß die Angelegenheit ihnen allein nicht zufallen könne, suchen sie nach irgend einem Vorwände, um den Krieg zu erklären. So sind sie zugleich die stets' kreisenden Berge, die nur die ridiculus mus gebären, und der Samum, der jede frische Pflanze des Judenthums verdorren läßt — wobei ich um Nachsicht bitten muß, .wenn ich diese kleinen Männer mit Bergen und Samum vergleiche. Es ist ganz recht, wenn man nicht alsbald gegen jeden, ihrer absurden Entwürfe zu Felde zieht; aber von Zeit zu Zeit das Publicum zu warnen, scheint mir doch die Pflicht der jüdischen Presse zu sein. Bonn, 6. Dec. (Privatmitth.) Es ist nicht zu verkennen, daß die Verhältnisse des Staates zu den religiösen Genossenschaften oder, wie man zu sagen pflegt, zur Kirche, einer bedeutenden Veränderung entgegen gehen. Jetzt, wo die Anschauungen und Bedürfnisse des Volkes sich frei auszusprechen vermögen, wo der Staat nicht mehr aus der Machtvollkommenheit des Absolutismus heraus jede Abweichung von der Meinung der Regierenden unterdrücken kann, sondern ihnen die Freiheit der Kundgebung und der Ansprüche an die Gesetzgebung gewähren muß, wozugleich die Kirche sich veranlaßt sieht, ihren Gegensatz zum modernen Geiste, zur Entwickelung der Menschheit schroff heraus zu kehren: jetzt können die Dinge nicht so bleiben wie bisher. Es ist dies in der That nicht ein Kampf gegen die Religion, noch gegen die bestehenden Institutionen, man will diese an sich und ihre Anhänger nicht angreifen, vielmehr glaubt man die Religion erst recht zu fördern, wenn man sie alles weltlichen Zwanges entkleidet und den Freiheitsdrang

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