Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1872)
- Date
- 1872-01-16
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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auffordert; die Juden haben, früher jedes Zugeständniß der bürgerlichen Rechte, je nachdem sie der Reform oder der Orthodoxie huldigten, stets mit Entschiedenheit zurückgewiesen. Ebenso wenig kann die Meinung als begründet gelten, daß die jüdische Orthodoxie an der Culturarbeit und Culturbewegung thatkräftigen Antheil zu nehmen behindere. Das ist überhaupt nicht mehr möglich, sobald eine Religionsgenoffenschaft mit ihrem ganzen Dasein in den völlig geöffneten Culturkreis eingetreten ist; die Geschichte weist uns Perioden auf, z. B. die arabischspanische, in denen die Juden durchweg in der Orthodoxie beharrten, und doch einen außerordentlich energischen Antheil an den Culturbeflrebungen an den Tag legten. Was folgt hieraus? Nichts anderes, als daß sich die Forderung und der Vorwurf des Herrn Rahlenbeek ganz,allein und lediglich auf dem religiösen Gebiete bewegt. Religion unterscheidet sich aber von Philosophem besonders dadurch, daß letzteres stets ein Product des jedesmaligen Augenblicks ist, während die Religion ein geschichtliches Dasein hat. Denn wenn auch jedes Philosophem auf einem ihm vorausgegangenen fußt, so bildet es sich doch wesentlich gerade dadurch, daß es sich von seinem Vorgänger loslöst und eine eigene Gestaltung annimmt; jede Religion hingegen weist von Geschlecht zu Geschlecht in ihre Vergangenheit zurück bis zu der Zeit, in welcher ihr Grund gelegt wurde. Religiöse Fragen können daher durchaus nicht blos auf rationellem Wege, von allgemeinen,, aphoristischen Voraussetzungen und Forderungen ausgehend, gelöst, sondern müssen auf dem geschichtlichen Wege zu erkennen, zu verstehen und zu beantworten gesucht werden. Sonst kommen wir dahin, die Religion zu vernichten oder doch zu verneinen, und zwar gerade in dem Augenblicke, wo sie uns als Religion helfen und stützen sollte. Ferner richtet sich ein Philosophem stets an eine kleine Schaar zu philosophischem Denken herangebildeter Individuen, und nur mittelbar geht von diesen ein belebendes und gestaltendes Princip auf die andern Sphären der Wissenschaft über. Die Religion aber umfaßt die Gesammtheit der Menschen, sie richtet sich an alle, und wenn sie gleich von verschiedenen Individuen bald tiefer, bald oberflächlicher erfaßt wird, sie läßt keinen los, sie willjedem etwas geben, und dieses etwas soll hinreichen, ihn zu Gott erheben. Wollten wir mit Herrn Rahlenbeek und seinen Aeußerungen oberflächlich abrechnen, so hätten wir mit dem eben Gesagten genug gethan , um ihn zurückzuweisen. Die Juden, ungefähr sieben Millionen, jeder Bildung, jedes Standes, jedes Alters und Berufes, unter den verschiedenartigsten Völkern und Religionen zerstreut, sind nicht philosophisch gebildete Köpfe, an die man ein philosophisches Problem richten sollte, um es zu lösen; sie sind eine große Masse, die in geistiger Beziehung nur ihrer gemeinsamen Religion lebt, und diese Religion ist kein Philosophem von heute, das die geistigen Elemente der Gegenwart zu einem Organismus begrifflich zusammen construirt, das aus dem, was gestern war, ersteht und morgen andere Phasen annimmt, sondern ein Erzeugniß von fast vier Jahrtausenden, das von Geschlecht zu Geschlecht überliefert und in langen Zeitaltern allmälig entwickelt worden ist. Von dieser Religion und ihren so gearteten Anhängern verlangen zu wollen, ihre . ganze geschichtliche Vergangenheit mit einem Schlage aufzugeben, alle ihre historischen Begriffe zu vergessen, ihre ganze reale Erscheinung aufzulösen — das ist doch wohl eine ganz ungehörige Forderung, wie man sie nur von Fanatikern und enragirten Parteigängern erwarten kann. Und was wäre damit gewonnen? Was will man denn vom Judenthume haben? Wozu brauchen denn die liberalen Christen das Judenthum? Doch wohl nur dazu, eine feste, überlieferte, als Wahrheit von Geschlecht zu Geschlecht erkannte und bethätigte Religion als Grundlage zu erhalten, um aus den unsicher» Schwankungen des philosophischen Denkens, der rationellen Logik auf den festen Boden, die Terra firma eines altgeschichtlichen Bekenntnisses zu gelangen. Nimmt man aber dem Judenthume feine ganze geschichtliche Unterlage, so hat man eben gar nichts erlangt; man ist noch genau auf demselben Standpuncte, den may zeither einnahm; man hat höchstens eine Zahl Anhänger mehr bekommen, die unter solchen Umständen wohl von sehr zweifelhafter Art sind, da viele von ihnen sicherlich sehr bald dem Unglauben oder einer andern Orthodoxie in die Arme fallen werden. Nein! wir haben es hier mit einem großen geschichtlichen Processe zu thun, mit einer Entwickelung der Menschheit, die wir nur aus der Geschichte verstehen, für die wir nicht wirken können, ohne sorgfältig die Geschichte zu befragen. Auch Herr Rahlenbeek wird dies zugeben müssen, denn einerseits veranlaßte ihn ja nur eine geschichtliche Abhandlung zu seiner Behauptung, andrerseits spricht er dem jüdischen Stamme ein großes geschichtliches Verdienst zu. Letzteres hätte ihn freilich