Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1872)
- Date
- 1872-01-09
- Page
- Seite 31 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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31 Diese waren durchaus nicht für so extreme Maßnahmen. Die Juden hatten ihnen den Diamantenhandel, der sehr einträglich war, gebracht, „sie lebten so anspruchslos, und zurückgezogen, daß man gar keinen Grund hatte, sich über sie zu beklagen; aber vielleicht," fügten die Magistrate unserer Handelsmetropole hinzu, „wäre es angemessen, sie durch Zeichen und Kleidung und eine abgesonderte Wohnung zu unterscheiden, wozu wir leider nur zu viel Häuser und Plätze leer haben." „Ist das nicht merkwürdig? Man lobt die Leute, man gesteht, daß sie friedlich sind, daß sie ein wichtiges Element des Wohlstandes bilden, und doch möchte man sie unter Schloß und Riegel halten, sie einzäunen wie eine Herde Sklaven, sie zwingen irgend ein schmachvolles Zeichen, etwa eine gelbe Mütze oder eine Gänsepfote auf der Schulter zu tragen. Und wie verfuhr man mit der menschlichen Würde, welche unsere antwerpener Juden aufrecht zu erhalten wußten, indem sie ihre Kinder schützten und Gegenständen des katholischen Cultus ihre Huldigung versagten? Danach darf man das spanische Belgien, das Spanien der Jesuiten und Inquisitoren nicht fragen. Belgien, von Deutschland sich selbst überlassen, von Frankreich Schlag auf Schlag zerstückelt, im Suchen feiner natürlichen Grenzen zu Lande und zu Wasser von der batavischen Republik, dieser herrlichen Schöpfung unserer Geusen, geschlagen, Belgien hatte sogar fein eigenes Bewußtsein verloren. Unsere Väter verstanden nichts weiter mehr, als unsere Beherrscher kriechend nachzuahmen und ihnen noch kriechender zu gehorchen. „Aber sind denn das wirklich Juden, diese kühnen Leute? sagten sie, sind es nicht vielmehr schlechte Katholiken, die sich eines Vorwandes bedienen, um sich vom Allgemeinen abzusondern und nach ihrem eignen Gefallen zu leben? „Halte man diese Frage ja nicht für einen Scherz, sie gehört der Geschichte an, und wurde am 31. Juli 1682 von den Mitgliedern des Staatsraths sehr ernsthaft gestellt. Aber wenn dies kein Vorwand wurde für neue Verfolgungen, kein schmähliches Mittel um einem diplomatischen Conflict auszuweichen, so kann man es sich nicht anders erklären, als daß Christen, die gern frei sein wollten, nichts Besseres zu thun hatten, als sich in die Reihen einer allgemein verachteten und zurückgestoßenen Race zu flüchten. Wenn ein System vahin gekommen ist, daß seine Vertheidiger ein so strenges Urtheil sprechen, dann haben seine Gegner nichts mehr hinzuzusügen. „Zum Schluß wollen wir nur noch erwähnen, daß die Kriege Ludwigs XIV. den Juden zwölf Jahre der Erholung brachten, und daß im Jahre 1694, als die Officiere des Erzbischofs und der Gemeindemagistrat die Siegel auf ihre heimliche Synagoge legten, einer von ihnen, Elias Andrada, sie zur Wiederherstellung der Inquisition aufforderte. Aber auch dieses Mal stieß ihre Kühnheit ihre Verfolger zurück. Ein Proceß wegen Zurückerstattung ihrer im Namen den Königs von Spanien confiscirten Mobilien war noch nicht entschieden, als Philipp V. im Jahre 1713 definitiv zu Gunsten des Kaisers Karl VI. auf die Rechte seiner Krone über die katholischen Niederlande verzichtete. Diesem Regierungswechsel, dem bald der Barrierevertrag, welcher die holländischen Garnisonen zum größten Theil in belgische Städte verlegte, folgte, war für die Israeliten das Signal einer bleibenden Niederlassung in unserer Mitte. Noch zwei Mal feierte man im Jahre 1770 und 1820 die von einem falschen Wunder begleitete Erinnerung an eine Metzelei der Juden. Aber im verflossenen Jahre fand das Straßenjubiläum in Brüssel nicht statt, und wir hoffen zur Ehre unseres Vaterlandes, daß nie wieder davon die Rede sein wird." Vermischtes. Es ist bekannt, wie es in der deutschen Literatur seit längerer Zeit zur Sitte geworden ist, die Bedeutung Moses Mendelssohns als Philosophen und deutschen Schriftstellers gering zu schätzen, zu ignoriren oder in hohem Ton über ihn abzusprechen. Doch fängt man jetzt allmälig an, davon zurückzukommmen und eine gründlichere und unparteiischere Kritik zu üben. Wir haben eine solche in der eben erschienenen zweiten Auflage von Hermann Hettner's „Literaturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts" Th. III. B. II. S. 208 — 249 vor uns liegen. Er sagt einleitend: „Moses Mendelssohn ist unter den deutschen Popularphilosophen unbedingt der bedeutendste. Die Geschichte der Philosophie, welche sich meist auf die Aufgabe beschränkt, nur eine Schilderung der hervorragendsten philosophischen Systeme zu sein, mag ein Recht haben, an Mendelssohn flüchtig vorüberzugehen; die Culturgeschichte, welche vornämlich die Rückwirkung der Philosophie auf die Sitte und Denkart der allgemeinen Volksbildung betrachtet, ehrt und feiert in ihm einen der einflußreichsten Träger und Vorkämpfer der deutschen Aufklärung. „In schwerem Kampfe hat sich Mendelssohn seine geschichtliche Stellung erobern müssen. Seine Jugend hatte nicht blos an Noch und Armuth zu leiden; noch verhängnißvoller lastete auf ihr die staatliche und sittliche Erniedrigung und Verkommenheit, unter welcher damals noch immer die deutschen Juden schmachteten. Mendelssohn ließ sich durch dieses tragische Geschick nicht beugen; nur um so kräftiger erwachte in ihm das Verlangen, thätig mitzuwirken für die Befreiung der Menschheit." Der Verfasser giebt hierauf einen Abriß von Mendelssohns Leben und eine ausführliche Analyse seiner Schriften. Wir verweisen auf Hettners Buch und empfehlen eine Vergleichung mit der ausführlichen Biographie Mendels-