Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1872)
- Date
- 1872-01-09
- Page
- Seite 30 (sequence 14)
- Language
- German
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steht auch durchaus nicht im Widerspruch mit der heiligen Schrift und ist längst nicht mehr neu, aber die Menschen können sich noch immer nicht an stgewöhnen. Aber, theurer Freund, ich will durchaus nicht behaupten, daß hiermit die Frage schon gelöst sei. Vielmehr stellt sie sich so: ist diese Erde so beschaffen, daß der Mensch auf ihr Glück oder Leid empfinden müsse — oder vielmehr, da dies ja gar keine Frage sein kann, weil dem Menschen wirklich der Freude und des Schmerzes genug begegnet — ist diese Erde so beschaffen, daß der Mensch auf ihr ein größeres Maß des Wohlseins oder des Leidens zu ertragen habe? Da stehen wir allerdings vor einer großen Schwierigkeit. Fragen wir jeden Einzelnen, so wird die Antwort sehr verschieden ausfallen. Ganz befriedigt ist Niemand. Die Menschen im Allgemeinen haben di? vorwiegende Neigung, sich als große Dulder in Bezug auf ihre Vergangenheit darzustellen und das Verdienst, Schweres mit Gleichmuth ertragen zu haben, sich zuzuschreiben. Man wird kaum Jemand finden, der die von ihm durchlebte Zeit noch einmal durchleben möchte, und doch hängt Jeder an diesem Leben mit stets gleich starken Banden und wünscht sich eine noch lange dauernde Zukunft. Ebenso ist die Erinnerung an überstandene Leiden lange nicht so dauernd und stark wie diejenige an die genossenen Freuden; selbst die größte Trauer erneuert sich nur schwach in der Erinnerung, während die Freuden sich erhöhen und verklären. Wir müssen daher von allen Behauptungen Einzelner absehen und uns nur an folgenden Maßstab halten. Ist das Leben dem Menschen mehr unerträglich als erträglich, wirken aus ihn mehr zerstörende als belebende Momente, stürmen auf ihn mehr zersetzende als erfrischende und verjüngende Gewalten ein — warum ist das Menschengeschlecht in starkem Anwachsen begriffen? Warum dehnt es sich immer weiter auf der Erde aus und bevölkert jeden einzelnen Theil derselben in immer größeren Maßen? Hierin liegt ein unzweideutiger Beweis, daß der Erdkörper seiner Natur nach viel mehr den Menschen erhaltende und kräftigende Elemente besitzt als das Gegentheil. Freude, Wohlbehagen, Genuß, Glück müssen aus der natürlichen Beschaffenheit des Erdkörpers in bedeutend reicherem Maße erwachsen, als Schmerz, Entbehrung, Mangel, Siechthum; denn sonst würde das Menschengeschlecht längst verkümmert oder ganz untergegangen sein, oder doch fortwährend auf dem Wege zu diesem Endziele sich befinden. Was man also auch sagen möge, die Natur ist für den Menschen günstig, fördernd, wohlwollend; seinen Tod beabsichtigt sie nur, in so weit er nach dem Abschluß seiner Lebenszeit dazu bestimmt ist. Kommen durch einzelne Naturereignisse eine größere Anzahl Menschen um, so gereicht dies, wie selbst wir Kurzsichtigen in der Regel zu durchschauen vermögen, einer viel größeren Anzahl zur Erhaltung ihres Daseins. In den meisten Fällen, wo die Najur feindlich auf den Menschen wirkt, hat er es sich selbst zuzuschreiben. Wer heißt es dem Menschen während des Sturmes auf der wogenden See zu sein? Dem abgehärteten, in der freien Natur sich viel bewegenden Menschen macht selbst ein rauheres Wetter keine Beschwerde, ja vielmehr Behagen, während es den Verweichlichten belästigt, schmerzt oder schädigt. Es gibt keine Zone, in welcher der Eingeborne sich nicht wohl befindet und von den kärgsten Erzeugnissen mit größerem Vergnügen und Nutzen lebt, als derjenige, welcher die Products aller Erdtheile auf feiner üppigen Tafel vereinigt. Setzt die Natur unseres Erdkörpers dem Menschen Schwierigkeiten entgegen, so schafft ihm die Ueberwindung derselben wieder große Befriedigung, welche die Mühsale weit übertrifft. Wir können daher in objectivster Weise den Schluß ziehen, daß die Natur unseres Erdballs an sich dem Menschen eine ungleich größere Fülle der Freude und des Genusses bestimmt hat, als des Gegentheils davon, und daß deshalb alles, was den Menschen betrifft, aus dem Wesen des Menschen.selbst erklärt werden muß. Ich glaube lieber Freuud, Sie werden hierin mit mir übereinstimmen. Die Juden in Antwerpen. (Schluß.) „Fast zu derselben Zeit ereignete es sich, daß ein anderer jüdischer Kaufmann, Francisco de Silva, der an einer Straßenecke der Begegnung mit einem Priester, welcher die Monstranz zu einem Kranken trug, nicht ausweichen konnte, sich nicht für verpflichtet hielt, auf die Knie zu fallen. Man hatte ihn mißhandelt und ins Gefängniß geworfen, aber weder der Staatsrath, noch der Fiscal von Brabant wollten erlauben, daß man ihm den Proceß mache. Vergeblich legte ihm Ferdinand von Beughem, früher Dechant von St. Gudule, der vor Kurzem Erzbischof von Antwerpen geworden war, eine Geldstrafe auf und erklärte es zur Ehre der Kirche für nothwendig, das Aergerniß wieder gut zu machen. Die Zeilen hatten sich geändert und die Menschen mit ihnen, namentlich auch die Juden von Antwerpen. Ihre ruhige und würdevolle Haltung flößte Achtung ein, wie die demüthige Ergebenheit und Resignation ihrer Väter ehemals ihnen feige Gewaltthaten zugezogen hatte. Mit der republikanischen Erziehung, welche sie seit einem Jahrhundert in Holland erhalten hatten, begann ihre Erlösung; Trödel, Hausirhandel und Wucher überließen sie den ärmsten unter ihnen und widmeten sich mit der ihrer Race eigenen Ausdauer geistigen Arbeiten, wissenschaftlichen Untersuchungen, großen commerciellen und industriellen Unternehmungen. Sie beschäftigten sich mit Allem, was der Mühe werth war. Der Staatsrath, der von diesen Dingen nichts wußte, fragte die Bürgermeister und die Schöffen von Antwerpen um ihre Meinung über die Forderung der Massenaustreibung seitens der Geistlichkeit.