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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-09 · Heft 2 (9.1.1872) · p. Seite 32

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 2 (9.1.1872)
Date
1872-01-09
Page
Seite 32 (sequence 16)
Language
German
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sohns von Dr. Kayserling. Hettner bemerkt unter Anderm (S. 216): „Lag es, wie Mendelssohn in seiner berühmten Schrift, im Phädon, selbst (Bd. 2, S. 191) bekennt, weder in seinem Wollen noch in seiner Kraft, Epoche in der Wellweisheit zu machen, und durch ein eignes philosophisches System berühmt zu werden, so ist doch die Meinung, welche jetzt gewöhnlich über Mendelssohn umläuft und welche immer und immer wieder kritiklos wiederholt wird, als sei Mendelssohn ohne allen liefern philosophischen Geist, ja ein Feind und Verächter der strengen Wissenschaftlichkeit gewesen, nichts als die völligste Unkunde der geschichtlichen Thatsachen. Mendelssohn hat alle Zeit auf das straffste Einhalten wissenschaftlicher Strenge gedrungen." Zum Schlüsse giebt der Verfasser folgende Bemerkung: „Es ist ein geschichtliches Unrecht, daß unter den Gestalten der Dichter und Denker, welche das Piedestal des Friedrichsdenkmals in Berlin zieren, die Gestalt Mendelssohns fehlt. Wie kläglich sind wir wieder abgefallen von jener unbefangenen Anerkennung des reinen Menschlichen, für welche Mendelssohn einer der begeistertsten Propheten und Apostel gewesen! „Das würdigste Denkmal hat ihm sein Freund Lessing gesetzt. Der reine, klare, milde Sinn Mendelssohns ist das Urbild Nathans des Weisen."*) Die curiosesten Erscheinungen auch auf dem religiösen Gebiete kommen in Amerika zu Tage. Vor uns liegen zwei Nummern des in Cleveland täglich erscheinenden Blattes „Wächter am Erie" vom 17. und 21. October. In der ersten Nummer wird unter den Localneuigkeiten von der silbernen Hochzeit eines Herrn Maedje berichtet. Es heißt daselbst: „Der Feier der Hochzeit schloß sich in unmittelbarer Folge die Feier einer Kindtaufe an. Der junge Herr Maedje nämlich, der vor ein paar Monaten mit einem Sohne beschenkt worden war, benützte diese Gelegenheit, seinen kleinen Sprößling durch die Taufe in die christ- *) Genau genommen ist dies im Sinne Friedrichs II. geschehen, der bekanntlich Mendelssohn, weil Jude (!), von der Liste der von der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Mitgliedern Vorgeschlagenen, an deren Spitze sie Mendelssohn gestellt hatte, strich. Auch ist die Stelle, die man Lessing an dem Monumente gegeben — unter dem Schweife des Pferdes — nicht beneidenswerth, während die unbedeutendsten Generäle die besten Plätze erhielten — es ist eben kein Volksmonument. Redaetion. 32 liche Gemeinschaft einsühren zu lassen. Dies geschah durch den Rabbiner Hrn. I)r. Jakob Meyer, welche den Act in sehr gefühlvoller und ansprechender Weise vollzog. Man kann sich das Staunen vieler Leser über diesen Bericht denken. Es erschien denn auch in der Nummer vom 21. October folgende Erläuterung: „Honni soit, qui mal y pense!“ „Zu unserem aufrichtigen Bedauern glauben wir zu bemerken, daß die Art und Weise, in welcher Herr vr. Jakob Meyer sich vor einigen Tagen an der Feier der silbernen Hochzeit eines geachteten Mitbürgers betheiligle, gewissen Leuten Gelegenheit zu Entstellungen und böswilligen Insinuationen gegeben hat. „Was er mit dem Kinde des Herrn Maedje that, konnte unsrer Meinung nach jeder Mensch, jeder Vater thun. Er legte die Hand auf ein unschuldiges Kind und sprach, indem er demselben feierlich einen Namen gab, Wünsche aus, die jeder Anwesende im Herzen trug. Es wurde kein Taufceremoniell, weder christliches, noch jüdisches, angewendet, und wenn die Handlung Taufe genannt wurde, so war das nur im weltbürgerlichen Sinne gemeint, als die formelle Einführung eines menschlichen Wesens in die gesittete Gemeinschaft seiner Mitmenschen. Die steife Orthodoxie freilich wird sich gegen eine solche kosmopolitische Neuerung stemmen. Vernunft und Liberalismus können sich nur freuen, wenn die Angehörigen verschiedener Bekenntnisse sich auf dem neutralen Gebiete der ächten Menschlichkeit begegnen." Die Sache ist also diese: der Herr Maedje ist ein Christ; statt sein Kind taufen -zu lassen, hat er es vom „Rabbiner I. Meyer" segnen lassen. Herr Meyer ist derselbe, der in der bekannten Versammlung zu Cincinnati den Staub aufwirbelte, der einige Tage lang die jüdische Atmosphäre in Amerika erfüllte. In Amerika kann Jeder thun, was er will, wenn er nicht stricte gegen ein Landesgesetz verfährt. Niemand kann also Herrn I. Meyer verbieten, zu thun, was er will. Wenn er aber in religiösen Dingen von aller Confeffion absieht, warum hält er so eisern an dem Titel „Rabbiner" fest, während es einem confessionslosen Manne doch besser anstände, einen confessionellen Titel abzulegen und sich lieber etwa „Lehrer der Menschheit" oder dergleichen zu tituliren. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschseld. Verantwortlicher Redaeteur Di». H. Lotze.

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