Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1872)
- Date
- 1872-01-09
- Page
- Seite 29 (sequence 13)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Zudenthmns. Feuilleton-Beilage M Ar. 2. Leipzig, den 9. Januar 1872. Vertrauliche Briefe, ii. Das Urtheil darüber, ob diese Welt die beste sei oder eine Stätte des Elends, ob der Mensch sür ein größeres Maß von Glück oder Leid bestimmt und befähigt sei, stammt also, wie wir saheen, vorübergehende Augenblicke abgerechnet, aus der Grundftimmung des Einzelnen oder einer Nation oder einer Religionsgenoffenfchaft, und diese Grundftimmung wieder aus der Anlage, den Geschicken, dem Bildungsgänge und mancherlei andern Umständen. Trat der Stifter einer Religion auf, um seine Anschauungen zu lehren, so kam es eben darauf an, ob diese Anschauungen in der Stimmung und Richtung der ihn umgebenden Masse einen lebhaften Anklang und Wiederhall fanden, ob er bestimmt und klar aussprach, was mehr oder weniger dunkel längst in den Geistern dieser Maste gelegen hatte. Daher erklärt sich der schnelle und ungeheure Erfolg, den Buddha, Zoroaster, Mohammed hatten. In anderen Fällen mußten die Lehren der neuen Religion der vorhandenen Geistesrichtung der Völker angepaßt werden, wenn sie Wurzel fasten sollten, und daher kommt es, daß nach einiger Zeit das neue Bekenntniß völlig verändert erscheint, wie dies beim Christenthum der Fall war. Wie dem nun auch sei, die Verschiedenheit der Ansichten über die obigen Fragen geht aus der Mannichfaltigkeit der menschlichen Charaktere hervor. Daraus können wir nur den Schluß ziehen, daß die Wirklichkeit weder der einen noch der andern Anschauung entspricht, sondern eine solche Mischung entgegengesetzter Erscheinungen bietet, daß der Mensch seiner Stimmung nach daraus das Eine wie das Andere bilden, die Welt und das Leben Hochhalten oder verachten, sich selbst für glücklich oder unglücklich schätzen kann. Es ist nun unsre Pflicht, uns solchen schwankenden Stimmungen zu entziehen, und eine sichere Ueberzeugung zu gewinnen. Dann werden wir nicht, wie ein Schifflein ohne Steuer den Wellen Preis gegeben sein, sondern mit fester Hand dasRuder lenken, den Blick unverwandt auf das Compaßhäuschen unsers Glaubens geheftet. Es muß doch jedem einleuchten, daß, wenn wir von Leid oder Freud' und von der Welt, in welcher diese uns bereitet werden, sprechen, dabei von der realen natürlichen Welt abzusehen ist. Die ewigen Naturgesetze, nach denen Gott das Universum geschaffen hat, die in demselben wirken und das Ganze wie jedes einzelne Element beeinflussen, haben an sich nichts mit des Menschen Leid und Freud' zu thun. Was der Mensch von ihren Wirkungen auf sich bezieht, liegt gar nicht in ihnen. Dafür spricht schon der Umstand, daß sehr häufig von einem und demselben Naturereigniß die Einen Nutzen, die Andern Schaden haben, die Einen sich daran erfreuen, während Andre es zu beklagen mehr oder weniger Ursache und Veranlassung zu ihaben glauben. Die Naturforscher sagen uns von der Erde sowohl, als von den übrigen, ihrer Beobachtung unterlegenen Weltkörpern, so weit es ihnen gestattet ist, aus welchen Elementen sie bestehe, welches ihre Dichtigkeit, ihre Größe, ihre Geschwindigkeit, ihre Bewegungen, ihr Verhältnis zur Sonne und anderen Planeten u.s. w. sei; sie geben uns, so weit sie es vermögen, Aufschluß über die Zusammensetzung des Erdkörpers aus verschiedenartigen Mineralien, die Arten der Wesen, die auf ihm leben, den Wechsel derselben u. s. w. Mögen nun ihre Angaben mehr oder weniger sicher, mehr oder weniger vollständig sein — das erkennen wir klar, von einer Frage, ob unsre Erdenwelt die beste sei, oder das gerade Gegentheil davon, kann hier gar nicht die Rede sein. Das Universum als Ganzes betrachtet ist als Schöpfung Gottes vollkommen, das Beste, das Vollendetste; in ihm giebt es eine unendliche Reihe von Geschaffenen, die sämmtlich von einander verschieden sind, so daß also jedes Einzelne nicht überhaupt, wohl aber in seiner Art vollkommen das sein kann und ist, was es werden sollte, *13173:3, wie sich die mosaische Schöpfungsgeschichte ausdrückt. Unsere Erde ist demnach ebenso wenig absolut vollkommen, wie irgend ein anderer Weltkörper, aber sie ist ganz daß, was sie in ihrer Art, nach der Beschaffenheit und dem Maße ihrer Elemente, nach ihrer Stellung im Universum und nach allen Bedingungen derselben naturgesetzlich werden sollte. Diese Anschauung muß sich endlich jeder denkende Mensch aneignen; sie ist so klar, daß sie auch nicht den geringsten Zweifel zuläßt; sie