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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-09 · Heft 2 (9.1.1872) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 2 (9.1.1872)
Date
1872-01-09
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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hatten sie nicht den blutigsten Todeskampf mit unbegränzter Tapferkeit geführt und immer wieder in furchtbaren, das römische Reich schwer bedrohenden Aufständen (z. B. unter Bar Kochba) ihren Freiheitsdrang erwiesen, so könnte die Behauptung des Verfassers Etwas für sich haben. Nun aber waren sie „aus Asien nach Europa geschleudert", seit dem vierten Jahrhundert von jedem Kriegsdienst ansgeschlvssen, in alle Länder zersplittert, in kleinen Gruppen zu 10, 20 oder 30 Familien*) an einzelnen Orten wohnhaft — wie war es da möglich, sich mit den Waffen in der Hand den Hunderltausenden ihrer erbitterten Feinde entgegenzustellen? Ein Volk vermag sich zu' kriegerischem Streite zu vereinigen, wenn es feste Sitze, sichere Mittelpunkte hat, an denen es sich sammeln und von denen aus es kämpfen kann. Hat es aber kein Vaterland, keinen Strich Landes im Besitz, keine Stadt, keinen Flecken, nicht einmal eine Burg, die es sein nennt, keine Waffen, keinen Zusammenhang unter einander, kann es nicht über nur irgend nennenswerthe Schaaren gebieten — wie soll es da Widerstand leisten können? Jede Widersetzlichkeit ist sofortiger Untergang. Es gehört ein völliges Mißverständniß dazu, den Kampf der reformirten Niederlande gegen das große spanische Reich hiermit vergleichen zu wollen. Zunächst war es von Anfang an mehr ein politischer Kampf, da lange Zeit auch die katholischen Provinzen am Aufstande theilnahmen und sich erst später von den vereinigten Provinzen trennten. Dann hatten die Niederländer das protestantische England und die große Hugenottenpartei zur Hülfe, ja selbst das katholische Frankreich, welches die spanische Macht schwächen wollte. Bor Allem aber hatten sie ein Land, ein einmüthiges Volk, große und befestigte Städte, Hilfsmittel *) Es wäre von hohem Jntereffe, nähere Forschungen über die Statistik der Juden während des Mittelalters und der folgenden Zeit anzustellen. Freilich kann man kaum auf sichere Ergebnisse rechnen. Während man, wohl übertrieben, behauptet, daß in Spanien ungefähr eine Million vor ihrer Vertreibung gelebt haben, von denen 300,000 auswanderten, zeigen die Ghetti in verschiedenen Städten Europa's einen so beschränkten Flächenraum, daß die Zahl der Bewohner trotz äußersten Zusammendrängens nach heutigen Zahlenverhältniffen nur gering gewesen sein kann. So z. B. in Frankfurt am Main. Die meisten jetzigen größern Gemeinden haben nur ein geringes Alter: Amsterdam noch nicht 300 Jahre, Berlin 200, Paris noch nicht 80, Wien in stillem gegenwärtigen Umfange gar erst 23 Jahre. «MUWWWWWWW^D zu Land und zur See. So aufopferungsvoll auch der Kampf Seitens der Niederländer geführt wurde, so war er doch von vornherein möglich, konnte begonnen und fortgeführt werden. Wo läge hier der Vergleichungspunct mit den winzigen, aller Orten verstreuten Gemeinden der Juden? Doch Herr Rahlenbeek gab, obschon Herr Astruc auf die Widerlegung dieser Behauptung gar nicht eingegangen war, diese von selbst auf, denn in der Erwiederung an seinen glimpflichen Gegner kommt er darauf nicht zurück, wohl aber erfahren wir das eigentliche Moment seines Aergernisses an den Juden. Diese Erwiederung vom 2. November 1871 ist nicht sehr durchsichtig abgefaßt und Vielen, wie wir wissen, unverstanden geblieben. Und doch vermag, wer seit längerer Zeit beobachtend im Gewühle der Parteien gelebt hat, den Kern der Sache klar herauszufinden. Wir wollen deshalb die bedeutsamsten Stellen dieser Erwiederung hier wiedergeben. Es heißt daselbst u. A.: „Sind nicht Sadducäer jene Journalisten, jene Agitatoren und jene Geschichtschreiber nach Art des Dr. Grätz voll blinden Grolles und unverzeihlicher Parteilichkeit? Sie benutzten und mißbrauchten im Mittelalter die Macht des Goldes, sie benutzen und mißbrauchen in unsern Tagen die modernen Freiheiten. Sie sind es, welche durch Jntriguen und Pärteiungerechtigkeit so lange Zeit in. Deutschland und sonst die Emancipation ihrer Glaubensgenossen verzögert haben. Während von allen Seiten aufgeklärte Geister mit Achtung und Rührung den alten jüdischen, so viel und oft erprobten Stamm begrüßten, der durch lange Jahrhunderte die Fahne des Monotheismus aufrecht zu erhalten gewußt hat, sprachen da nicht diese unverbesserlichen und unfähigen Menschen im Namen einer israelitischen Nationalität, die sie wie eine drohende, die sich rächen werde, hinstellten, und in deren Namen sie Verachtung und Schmähung auf eine Civilisation ausgossen, welcher sie Alles verdanken?" Herr Rahlenbeek beruft sich auf den Erfolg, den das Drama Uriel Akosta hatte, ein Erfolg, der durch die Erwartung des „liberalen Juden" herbeigeführt wurde, von dem man hoffte, er werde den Männern von gutem Willen retten helfen, was gerettet werden kann, gerettet werden muß. DerVerf. wollte hiermit sein hinsichtlich der Bekenner des alten Testaments ihn beseelendes Gefühl ausdrücken. Er schließt: „Will man in den Massen das heilige Feuer dieser Universalreligion wieder beleben, die allein den Menschen dem Menschen wahrhaft achtungswerth machen

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