Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1872)
- Date
- 1872-01-09
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226855--30203-3253069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lassen, da uns einige Ungenauigkeiten ^ausgefallen sind, die wir notiren werden.- In der Einleitung sagt Herr Rahlenbeek: „Volksvorurtheile haben ein langes Leben, besonders wenn gewisse Leute ein Interesse haben , sie zu nähren, und wenn es denjenigen, welche ihre Opfer sind, an Energie in ihren Protestationen, an Vertrauen auf ihre gute Sache fehlt. Zögerten etwa die Protestanten der Niederlande, trotz des großen rücksichtlich der Macht bestehenden Mißverhältnisses zwischen ihnen und der übrigen spanischen Monarchie, einen nothwendigen Kampf aufzunehmen, und hatten sie nicht Grund genug, sich hundert Mal zu freuen, einen so tapfern Entschluß gefaßt zu haben? Der Sieg war auf ihrer Seite. Wenn sie dagegen, anstatt Himmel und Erde über ein ungerechtes Uriheil anzurufen, anstatt selbst zu handeln, das Joch geduldig angenommen und getragen hätten, so hätte man sich von ihnen abgewandt, und Alles wäre vorbei gewesen. So war es überall und immer. Wenn ein einziger Mann von Herz sich erhebt, ein einziger Makkabäus - sich zeigt, so wird der Tempel von Jerusalem aus seinen Trümmern größer und schöner als je emp^rsteigen. Nur muß man, um zu diesem Ziele zu gelangen, den Herd der Begeisterung, den Cultus erhabener Erinnerungen in sich erhalten; man muß selbst im Exil und unter dem rauhen Winde der Verfolgung tapfer gegen die vielfachen Einflüsse von andrer Seite sich wehren, unter allen Verhältnissen seine Würde bewahren. Aber das haben die Israeliten, die von Asien nach Europa geschleudert wurden, nicht verstanden. Der niedrige, habgierige, keineswegs heroische Geist der Sadducäer kam bei ihnen zur Uebermacht und drückte nach und nach der ganzen Race den gleichförmigen Charakter eines unabänderlichen, nicht wieder gutzu machenden Verfalls aus. Der Wucherer verschlang den Menschen und zersetzte ihn. Ja, es ging noch weiter; er hielt sich abgesondert für sich allein, verzichtete auf jeden Einfluß, gefiel sich nur darin, sein Gold zu zählen, dachte nur daran, die bösen Leidenschaften einer Welt auszubeuten, der er Haß um Haß, Verachtung um Verachtung vergalt." Man erkennt hierin leicht zweierlei Vorwürfe, welche der Verfasser den Juden des Mittelalters macht. Er schreibt ihnen einen unabänderlichen, nicht wieder gut zu machenden Verfall (ä^euäsnes irr&nissible) zu, weil sie sich dem Wucher ergeben und dadurch jeden anderweitigen Einfluß, jede großartigere Wirksamkeit verloren hätten. Gegen diese Behauptung des Herrn Rahlenbeek erhob sich der 18 Großrabbiner, Herr A. Astruc, in einem in derselben Revue abgedruckten Schreiben, das sich ebenso sehr durch seine treffliche Form auszeichnet, wie auch gründlich «achweist, in welcher Weise die Juden während des Mittelalters geistig thätig waren und, außer in Theologie, namentlich in Medicin, Philosophie und den Naturwissenschaften sich große Verdienste erwarben. Was Herr Astruc gewollt hat, ist ihm in anerkennungswerther Weise gelungen. Freilich hätte er den Verfasser gleich mit seinen eigenen Worten schlagen, können, indem derselbe in seinem Aufsätze wiederholt hervorhebt, wie sehr in Anwerpen und anderen Orten der Handel und die Industrie in segensreichster Weise durch die Juden zur Blüthe gebracht wurden, und immer wieder in Verfall geriethen, wenn man die Juden vertrieben hatte. Das ist doch keine Folge des Wuchers, sondern ein achter, umfassender und auf gesunden Wegen gehender kaufmännischer Geist.*) Der andere , ganz neue Borwurf ist der, daß die Juden sich gegen ihre Verfolger nicht mit den Waffen in der Hand erhoben , und ihr Recht sich nicht erkämpft hätten, daß sich unter ihnen kein Juda Makkabi gefunden, der sie zum männlichen Kampfe und gewiß auch zum Siege geführt hätte. Etwas die Geschichte und jede Kenntniß der wirklichen Verhältnisse mehr Verleugnendes kann man wohl kaum behaupten! Wie es immer zu geschehen Pflegt, entwischt unwillkürlich dem Verfasser selbst die Widerlegung seiner Worte. Er bezeichnet die Israeliten als „aus Asien nach Europa geschleudert." Hätten sich die Juden ohne-Kampf den Römern unterworfen und stillschweigend sich in Vergessenheit verloren, *) Auffällig war es uns, daß Herr Astruc in seinem trefflichen Sendschreiben Spinoza ganz unerwähnt läßt. Wahrscheinlich ist dieser Philosoph in Belgien noch mit jenem Schrecken bekleidet, den bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts man um diesen Namen gebreitet hatte. In jüngster Zeit hat man in gründlicher Weise den Zusammenhang Spinoza's mit dem Judenthume nachgewiesen, und wenn man auch nicht leugnen will, daß das philosophische System Spinoza's über das Judenthum hinausgegangen ist, so hat dies doch keinen Einfluß, wenn man von der "Geistesthätigkeit und der Einwirkung der Juden auf die allgemeinen Weltverhältnisse spricht. Hier ist Spinoza das bahnbrechende Genie, der eigentliche Begründer der modernen Philosophie, und wir haben auf ihn als einen'dem jüdischen Stamme entsprossenen ein großes Gewicht zu legen, wenn es gilt, unsern Stamm solchen Borwürfen gegenüber zu rechtfertigen, wie sie Herr Rahlenbeek gegen ihn erhebt;