Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1872)
- Date
- 1872-01-02
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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und nun gar die Verbindung Leider, und wie unübersehbar die Differenz zwischen beiden! Und trotzdem bleibt es wahr, daß das Urtheil über die Welt und die Dinge bei der Mehrzahl der Menschen sich auf den Untergrund aufbaut, den ihnen ihr innerer seelischer Zustand gibt. Werden wir uns z. B. wundern, daß der geistreiche Ernst von Hartmann Alles, was dem Menschen Freude bereitet, was das Gefühl des Glückes in ihm hervorruft und das Feuer der Begeisterung entzündet, in der blasirtesten Weise in das Gegentheil verkehrt, bis er dem Menschen selbst die Liebe abspricht und jede auf diese gegründete Einrichtung als verfehlt schildert, wenn wir erfahren, daß dieser Mann gleich Heinrich Heine seit Jahren an das Krankenbett gefesielt, von Schmerzen gefoltert und seines Leibes nicht mächtig ist? Halten wir dies fest. Die Inden in Antwerpen. Herr Karl Rahlenbeek hat in der Revue de Belgique eine Abhandlung unter dem Titel „1,68 Juifs ä Anvers“ veröffentlicht, über welche wir in einem später erscheinenden Leitartikel uns weiter verbreiten werden. Hier wollen wir nur das Wesentlichste daraus mittheilen. Der Verfasser beginnt folgendermaßen: „Da die Anwesenheit einer bestimmten Anzahl Juden in Trier unter der Regierung des Kaisers Hadrian offiziell erwiesen ist, und Trier zu jener Zeit ebenso wie Tournay, Tongres oder Bavay eine belgische Stadt war, so geht hieraus hervor, daß unsere jüdischen Landsleute vollständig im Rechte wären, wenn sie sich rühmten, auf unserem Boden nicht nur den ersten Flamländern, sondern auch den ersten Christen voraufgegangen zu sein. Es ist dies sicherlich ein Achtung gebietendes Alter, besonders höchst überraschend bei Menschen, denen man während langer Jahrhunderte die Eigenschaft als Einheimische oft mit Verachtung, oft selbst mit Wuth abzusprechen beliebte." Man muß es freilich dem belgischen Patrioten Nachsehen, wenn er im weiteren Verlaufe seiner Abhandlung von „Belgien im Mittelalter" spricht und ihm diejenige Ausdehnung giebt, welche er in den obigen feilen andeutet. Im Mittelalter gab es kein Belgien. Der Osten und die Mitte des Landes — Brabant, Hennegau, Limburg, Lüttich u. s. w. — gehörten zum Herzogthum Lothringen und damit zum deutschen Reiche, während der größte Theil von Flandern völlig davon gesondert war und unter französischer Oberhoheit stand. Der Verfahr schildert nun mit wenigen Worten den in Belgien ebenso wie in Deutschland, Frankreich und England herrschenden Fanatismus, welcher sich schließlich in dem berüchtigten Proceß von Brüssel im Jahre 1369 Luft machte, in Folge dessen, die Verbannung der Juden aus Belgien stattfand. Er sagt: „In jener Zeit war der Handel von Antwerpen in hoher Blüthe, die Juden waren die Seele desselben; sobald sie verjagt waren, verfiel er und verlor sich endlich ganz, ohne indeß einen andern Ersatz zu finden als einen Aberglauben mehr, eine neue Einnahme für die Kirche von Jubiläen, Processionen, Pilgerfahrten und Reliquien, welchen letzteren man besondere Heilkräfte zuschrieb. „Flandern verstand es, der Ansteckung dieses Beispiels zu entgehen. Hier fanden die brabantischen Juden ein Asyl, und bald empfand der Handel von Brügge die glücklichen Folgen ihrer Anwesenheit. So ist es in der Regel, der Fanatismus kostet weit mehr, als er einbringt. Die Antwerpener jedoch seufzten, als sie die Schelde wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit verschlossen sahen, wie es später in Folge der Eifersucht unserer Nachbarn geschehen ist. Sie reclamirten. Nach hundert Jahren hörte man auf ihre Klagen. Ein Erlaß vom Jahre 1480 erlaubte den aus Spanien und Portugal vertriebenen Israeliten, sich in Antwerpen niederzulaffen, unter der besonders ausgesprochenen Bedingung kein Aergerniß zu geben. Ihre Zahl war ohne Zweifel beschränkt, ihre Klugheit groß, da selbst der alte Chronist Jakob Meyer von ihnen nichts gehört hatte." Am 26. Februar 1536 gestattete Karl V. portugiesischen Juden, sogenannten Neuchristen, nach Antwerpen zu kommen, doch nur mit der hinterlistigen Absicht, sie hier auszuplündern. Jetzt begann eine traurige Verfolgungsgeschichte, welche uns hier weniger interessirt, da sie von der Inquisition ausging und gegen die zum Katholicismus übergetretenen spanischen und portugiesischen Juden gerichtet war. Der Magistrat von Antwerpen spielte dabei eine würdige Rolle, da er solange und so kräftig protestirte, als es ihm nur möglich war.*) Endlich waren auch diese Neuchristen wieder vollständig vertrieben. Wir lassen nun den Verfasser weiter sprechen. „Diese neue Austreibung von Elementen commercieller Thätigkeit und Blüthe hatte dieselben Folgen, wie die vorhergehenden. Die aufblühende Republik der vereinigten Provinzen der' Niederlande nahm sie auf und verstand es sie sich nützlich zu machen. Es entstanden für Antwerpen neue sehr gefährliche Nebenbuhlerinnen in den Städten Hollands. Kriegs- und Handelsflotten gingen aus denselben hervorwelche die Gewissensfreiheit rächten und Spanien außer Stand setzten, noch mehr zu schaden. Der westphälische Friede vom Jahre 1648 war das Signal zur Rückkehr vieler von denen, welche zur Verbannung, zur Güterconfiscation und zum Tode verurtheilt worden *) Der Verfasser scheint hier in einen Jrrthum verfallen zu fein. Er spricht wiederholt von einem Herrn Du Fief, xrocureur g^ndral, Unseres Wissens war der proeureur general du Lek der Lehns- und bei gewissen Behörden der Staatsprocurator, wie es Lei jedem der zahlreichen Consilien in der spanischen Berwaltungsmaschine einen xrocuraäor fiscal gab, was im Französischen xroeureur äu fief lauten würde. Der Verfasser hätte somit eine Amtswürde für einen Eigennamen genommen.