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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-02 · Heft 1 (2.1.1872) · p. Seite 16

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 1 (2.1.1872)
Date
1872-01-02
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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Waren, weil sie den Katholicismus aufgegeben oder nicht in denselben hatten eintreten wollen. Antwerpen bekam wieder calvinistische Conventikel und heimliche Synagogen. Die Aufregung im klericalen Lager war groß. Was sollte man thun? wozu sich entschließen? Man hatte zwar den besten Willen, grausam zu sein, aber eS fehlte an Starke und' Muth zur Ausführung. Die schrecklichen Edicte Karls V. und Philipps II., die noch immer in Kraft bestanden, wurden schlimme Waffen in den schwachen Händen der Nachfolger eines Herzogs von Alba, eines Hessel und Titelman in Regierung und Kirche. „Der Bischof von Antwerpen, Marius Ambrosius Capello, gesteht dies in einem an den König und Staatsrath gerichteten Briefe vom 22. Februar 1674. Seit mehr als zwei Jahren hat er bei dem Könige angefragt, ob man gegen die Feinde des heiligen katholischen Glaubens mit Strenge austreten oder sie unbeachtet lasten solle, aber Seine katholische Majestät, ohne Zweifel in derselben Ungewißheit wie der Prälat, hatte nicht geruht, auf diese Fragen zu antworten.- V „Inzwischen wurden all? Forderungen der Juden, die sich neuerdings in Antwerpen niedergelasten hatten, abschlägig beantwortet.- So versagte man ihnen 16 72 die Gunst, in Vilvorden ihren Wohnsitz zu nehmen und aus dieser kleinen Stadt ihr Ghetto zu machen. Wir werden gleich sehen, bis zu welchem Puncte die Herablassung der Civilbehörden für die Wünsche des Klerus unfern nationalen Interessen feindlich war. Die antwerpener Juden erboten sich für die Bewilligung eines Zufluchtsortes, d. h. Her Sicherheit ' ihres 'Handels' und' völliger Gewissensfreiheit, eine jährliche Steuer von fünf Millionen Gulden zu erlegen. *) Heutzutage wäre dies nür ein ganz hübsches Sümmchen, aber damals war das Geld selten^ und-der Betrag erschien ungeheuerlich. Was hätte man nicht mit diesen fünf Millionen jährlich thun können? Man hätte vie Verwaltung bestreiten; unsere Wunden heilen, allmälig unser furchtbares Mißgeschick wieder gut machen können. Es war die Rettung, man wies sie aus falschen religiösen Scrupeln zurück: man wollte nicht für tolerant gelten, und doch hätte man es ohne jede Compensatio», ohne den geringsten Vortheil zu gewähren sein können. Die Juden waren ganz wie die aus Holland gekommenen Calvinisten mit Pässen versehen und gaben vor, in Belgien in Handelsgeschäften zu *) Es ist zu verwundern, daß Herrn RahlenLeek die Uitjje* Heuerlichkeil einer jährlichen Abgabe von 5 Millionen fl. für eme Hand voll Juden nicht aufgefallen ist, noch dazu, wenn man den damaligen Geldwerth in Bettacht zieht. Offenbar muß hier ein Jrrthum obwalten, und vielleicht-hat in der Urkunde ein Zeichen gestanden, welches 5000, aber nicht 5 Millionen bedeutet. reisen. Hie waren also gerade hierdurch vor jeder materiellen Behinderung, vor jedem moralischen Zwange geschützt. Man konnte nur Eines thun, nämlich im Nothfalle ihnen die Achtung vor den Landesgesetzen zürückrufen. Man ging aber weiter. Man provocirte diejenigen, welche ihre natürliche Klugheit und ihr wohlverstandenes Interesse in den Gränzen der Pflicht und des Gehorsams zurückhieltt So geschah es im Jahre 1682. „Einem jüdischen Kausmanne, Diego Curiel, wurde ein Kind geboren, der Geistliche der Pfarre St. Georges in Antwerpen wollte dieses Kind unter dem Vorwände taufen, daß es, in einem katholischen Lande geboren, der heiligen Kirche angehöre. Der Vater, protestirt, drohte und gewann seine Sache." (Schluß folgt.) - Anekdote. „Ich will mich Ihnen, meine Damen, nicht aufdrängen!" Diese Worte, von leisem Lächeln begleitet, sprach vor: Kurzem einer.Her Gewaltigsten der Gewaltigen auf Erdenk zu zwei Damen, von denen, die eine Gräfin, die andere Fürstin ist. Der Gewaltige, ist niemand anderer als Rothschild, die beiden Damen kamen als — Bettlerinnen. Selbstverständlich bettelten die Daipen für Andere, und zwar für ein in Ischl. .zu erbauendes Spital.. Solches Betteln ist .ganz löblich,: ünd..Rothschild tzögerte?aüchMch^MGNNgsteM naöhder FeM"zw grelM^ um auf den Subscriptionsbogen seinen Namen neben einer bedeutenden Summe zu setzen. Gerade da er die Feder in die Tinte tauchen wollte, fährt ihm ein Einfall durch den Kopf. „Sie verzeihen wohl meine Frage,^ hob er an; „ist das Spital interconfessionell, d. h. können auch Kranke darin. ausgenommen werden, welche: nicht katholisch sind?" Die. Damen wurden verlegen. Doch was blieb weiter übrig, als zu gestehen — beide sind überaus frommer Natur und . gehören zur weiblichen Agitalionsarmee der Ultramontanen — in. der That dürsten nur katholische Kranke in das Spital ausgenommen werden. „Dann, Meine Damen," antwortete der. Geldfürst und legte die Feder auf den Tisch — „dann, meine Damen, will ich mich Ihnen nicht aufdrängen" und lächelte fein. Die Damen verstanden dieses Lächeln auch ohne ferneren Commentar und — empfahlen sich. Verlag von Bamngärtner'S BuWandlMK in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redaeteur Dr. H. Lotze.

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