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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-01-02 · Heft 1 (2.1.1872) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 1 (2.1.1872)
Date
1872-01-02
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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findung des „höchsten Gutes" als den Kernpunct ihres moralischen Systems betrachteten, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Wie verschieden sie dies ,-höchste Gut" auch bestimmten, wie es dem Einen im „Schönem und Guten," dem Andern im „Vergnügen," und zwar bald geistigem, bald sinnlichem, dem Dritten in Bedürfnißlosigkeit, dem Vierten in der Mäßigung u. s. w. zu liegen schien: ihre Ergebnisie stoffen immer wieder aus der Anschauung, die sie sich von dieser Welt gebildet hatten. Kaum hatte sich daher die Philosophie wieder von der christlichen Theologie freigemacht, so nahm sie die frühere Frage sofort wieder als ihr Thema auf. Leibnitz, um nur Einiges herauszuheben, erklärte diese Welt für die beste, in unseren Tagen Schopenhauer für die schlechteste, die möglich war, und der jüngste, Ernst von Hartmann, sieht sie als ursprünglich gut, aber durch die Menschen völlig verdorben an. Selbst bei den Nationalökonomen finden wir ähnliche Ansichten, und wenn Aristoteles das Sklaventhum als ein nothwendiges Nebel in der menschlichen Gesellschaft, wenn Malthus einen großen Theil der Menschen als unvermeidlich dem Elend verfallen ansieht, erfließt es nicht aus einer bestimmten Weltanschauung? Bei so verzweifelten Differenzen in den Ansichten der klarsten und tiefsten Denker müssen wir es freilich aufgeben, eine Übereinstimmung der Menschen zu erhoffen, und jeder Einzelne muß Zusehen, wie er sich die Dinge zurecht lege, worauf wir allerdings in den meisten Fällen angewiesen sind. Spricht man sich trotzdem darüber aus, so kann der Zweck nur der sein, Gleichgesinnten zu klarer Ueberzeugung und Sicherheit in ihren Ansichten zu verhelfen. Ich stimme Ihnen hierin bei, schon das ist ein verdienstvolles Werk. Ich glaube jedoch nicht mehr thun zu können, als einiges Wenige dazu beizutragen, und auch dieses Wenige nicht in den engen Gränzen eines Briefes. Ich werfe daher' heute nur noch einen Blick auf jene Differenzen, ja Gegensätze in den Ansichten. Woher kommt es, daß die Menschen die Dinge so verschieden ansehen? daß sie über das Einfachste so entgegengesetzt urtheilen? daß dem Einen schwarz erscheint, was die Andern für weiß erklären? jene Schatten sehen, wo vor diesen eine Fülle goldenen Lichtes sich ausbreitet? Schon diese Fragen sind nicht leicht zu lösen; denn wir sehen denselben Ursachen ganz verschiedene Wirkungen folgen. Wir werden sofort die Meinung aussprechen: wem es im Leben schlimm ergangen ist, wem es arg milgespielt und fast immer die Hoffnung in Täuschung verwandelt, und wieder genommen hat, was es ihm erst gegeben hatte, der wird natürlich das Leben als ein Jammerthal ansehen und hohnlachen, wenn man ihm von Erdenglück spricht. Wem aber von der Wiege an der Freudenbecher oft gereicht worden, wer daraus nicht allein gekostet, sondern mit vollen Zügen getrunken hat, wem die Bahnen des Lebens sich leicht öffneten, oder wem die Ueberwindung entgegentretender Schwierigkeiten sogar Freude bereitete, wer selbst den Verlust leicht vergessen konnte, weil ihm dafür bald neuer Gewinn zu Theil ward: dem erscheint selbstverständlich das Gewölk am Horizont nur leicht und licht, dem schwindet nie der blaue Himmelsbogen, über seinem Haupte, und mit Bestimmtheit erklärt er , die Sonne gehe unverrückt ihre Bahn vom Morgen bis zum Abend des Lebens. Und doch ist es nicht so. Wir sehen nicht wenige Menschen, die mitten im Besitze aller schönen Güter des Lebens trübsinnig hinschleichen, keine Lust an dem empfinden; was sie haben, und sich verdrießlich abquälen für ein Etwas, von dem sie glauben, daß es ihnen fehle und das sie für das Wünschenswertheste halten. Andrerseits habe ich Menschen gekannt, die eine unverwüstliche Elafticität der Seele besaßen, die, von Jugend an von den schwersten Schicksalen heimgesucht, mit den drückendsten Bürden belastet, sie immer wieder überwanden und trotz ihrer mit gehobenem Haupte und leuchtenden Blicken einherschritten. So ist es ja auch Thatsache, daß Menschen im höchsten Norden trotz der Beschwerden und Stürme des Klima's heiter und gemüthlich leben, während die Anderen mitten im Reichthume der tropischen Länder das Haupt senken und früh verwelken. Da kommen wir wieder in die geheimnißvolle Werkstätte des Schöpfers, zu den jedem Individuum mitgegebenen Anlagen, den geistigen wie den leiblichen. Sicher bestehen sie und sind von großer Bedeutung für das ganze Leben. Aber eben so wenig, wie die Geschicke, bilden sie allein den Charakter des Individuums. Der Einwirkungen, der umwandelnden Einflüsse auf den Menschen sind zu viele, sie influiren zu sehr, nicht blos auf die zarte Psyche des Kindes, sondern auch auf die verhärtete des Mannes, und des Weibes, als daß wir jenen Anlagen eine überwiegende Herrschaft zuschreiben dürften. Wie oft begegnen wir Menschen, die wir früher gekannt haben, und rufen kopfschüttelnd aus: was ist aus dem heitern und lebenslustigen Jugendgenoffen geworden? oder wie ist der besonnene und strebsame Knabe zu solch leichtfertigem oder gar verderbtem Gesellen geworden? Die Erfahrung bringt uns auf diesem Gebiete so viele und so gründliche Enttäuschung, und zeiht jede Consequenz und Menschenkenntnis so vielfach des Jrrthums, daß wir es lernen, unser Urtheil in der Schwebe zu erhalten, weil wir uns über die wirkliche Sachlage erst sorgfältig unterrichten müssen. Unsre Weisen sagen: „Beurtheile Niemanden, bevor du nicht einen Scheffel Salz mit ihm gegessen hast," und das sagt uns genugsam, daß alle Prämissen nicht ausreichen, um auf den Charakter zu schließen.. Es werden also wohl die Anlagen wie die Geschicke, sowie eine mannigfaltige Reihe anderer Umstände, z. B. die Umgebung, sowohl die landschaftliche, als besonders die der Menschen, und die Stellung, die einer unter diesen einzunehmen weiß, auf die Anschauungen des Menschen ihre Wirkung haben, so daß diese als ein Ausfluß mannichsacher Einflüsse betrachtet werden müssen. Die Alten sagten: „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper!" Aber welche Seltenheit ist einer wie der andere,

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