Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1872)
- Date
- 1872-01-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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All gemeine Zeitung -es Zudcnthums. Feuillelon-Leilage zu Ur. 1. Leipzig, den 2. Januar 1872. Vertrauliche Briefe. I. Erdenglück und Erdenleid — für welches ist der Mensch mehr bestimmt und befähigt? Diese Welt, ist sie gut oder schlecht, weise oder thöricht eingerichtet? lieber diese Fragen haben Sie im Kreise der Ihrigen — und zu diesem konnte auch ich mich rechnen, als ich noch in B. war — sich öfter ausgesprochen und meine Ansicht verlangt. Jahrzehnte sind seitdem über uns hingegangen, doch jene Frage hat an Werth und Gewicht für Sie nichts verloren, und so dringen Sie auf mich ein, Ihnen jetzt, wo auch mein Haupt vom Silberhaar bedeckt ist, meine aus dem Leben gewonnene Meinung kundzugeben. Nun, es wäre ein Jrrthum, wenn man änuähme, die Beantwortung dieser Fragen sei nichts als metaphysische Beschäftigung, wenn nicht gar nur Spielerei. Wahr ist es, eine objective, für Alle feststehende Antwort wird hier, wie in so vielen Dingen, nicht zu erreichen sein. Aber für jeden Einzelnen haben diese Fragen und ihre Beantwortung eine große Bedeutung. Sie sind für ihn die Brille, durch welche er das Leben überhaupt und sein eigenes Leben betrachtet, die Farbentöne, die er auf seine Tage und Stunden aufsetzt, mit einem Worte, sie geben die Grundstimmung, aus welcher er die Welt, die Menschen, die Dinge, die Ereignisse auffaßt; sie machen ihn entweder zum heiteren oder düsteren Gesellen, schwermüthig oder leichtsinnig, besonnen oder unruhig, gesund oder krankhaft, reich an Vertrauen und Hoffnung oder an Mißtrauen und Zweifel. Freilich führt sich die Mehrzahl jene Fragen nicht direct zum Bewußtsein, beantwortet sie nicht begrifflich, sondern trägt die Anschauung mit sich herum wie einen Spiegel, den ihnen der Gang ihres Lebens und ihrer inneren Natur aufgestellt hat. Von dieser Bedeutung zeugt schon der Umstand, daß jene Fragen so zu sagen mit dem Menschen selbst geworden sind: Religionen wie Philosopheme beschäftigten sich damit und beantworteten sie nach ihrer Weise. Der Mofaismus erklärt: Gott sah Alles, was er geschaffen hatte, und es war sehr gut, v. h. die Welt war die beste. Der Buddhismus hingegen erklärt diese Welt für die schlechteste, für das größte Glück des Seienden das Gelangen zum Nichts, für die größte Strafe den Uebergang aus einem Dasein in ein anderes. Das Christenthum giebt diese Welt für ein Jammerthal aus, aus. dem man nur durch die größte Selbstverleugnung und die härteste Buße und Zerknirschung in das Paradies der ewigen Seligkeit gelange; es läßt zwar, wie Moses, die Welt als die beste erschaffen werden, aber schon die ersten Menschen fallen so tief, daß sie sich mit ihren sämmtlichen. Billionen von Nachkommen allein nicht wieder erheben können. Sonderbarer Widerspruch! — Nach den Büchern Mose gehört langes Leben und ein genügender Antheil an den Gütern der Erde zu dem Segen, den Gott den Gerechten verleiht, und die große Klage, welche Hiob anstellt, bezieht sich auf den Verlust seiner Kinder, seines Vermögens und Ansehens, und seiner Gesundheit. Er verwünscht sein Leben, sieht es in den schwärzesten Farben; aber sicherlich hat sich diese Anschauung völlig geändert, als ihm seine früheren gesegneten Umstände wieder zu Theil wurden. Man braucht es daher dem weisen Prediger gar nicht so ernstlich zu glauben, wenn er ausruft: Alles ist eitel! Denn später fordert er uns ja auf, die Güter dieser Erde in Gerechtigkeit und Gottesfurcht zu genießen. Wir wollen es nur gestehen, unsere Weisen haben es in der Verachtung des Erdenlebens, in der Tödtung des Fleisches und dgl., als sie dem Buddhismus und Christianismus etwas ablernten, doch nur bis zum Dilettantismus gebracht. Das gesunde realistische Leben des Judenthums schützte sie vor dem Extrem, und es blieb für sie immer ein wichtiges Gebot, sich zu verheirathen und das Menschengeschlecht nicht aussterben, zu lassen. Nannten sie auch das Erdenleben die Vorhalle zum Palaste, so wußten sie gleichwohl, daß eine Vorhalle dem prächtigen Palaste entsprechen und in großartiger, herrlicher Architektonik den majestätischen Bau schmücken müsse. In sehr nichtigem Tacte ließen sie daher den Erdensohn nicht aus der „Lehmhütte" Hiobs, sondern aus der Vorhalle in den Palast hineinschreiten. Daß die griechischen und/ ihren Spuren folgend, die römischen Philosophen sich nicht weniger mit den obigen Fragen beschäftigten und von Sokrates,, Än die Auf-