Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1872)
- Date
- 1872-01-02
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Militärische Carriöre zu berichten. — Bon eben daher wird dem „Wiestnik" von der steigenden Frequenz der höheren Unterrichtsanstalten, sowohl für die männliche wie für die weibliche Jugend, seitens der jüdischen Bevölkerung Mittheiluüg gemacht. Nordamerika. , Chicago, im November. (Privatmitth.) Unferm frühern Berichte über das hiesige Feuerunglück haben wir, berichtigend und ergänzenddas Folgende noch nachzuschicken. Außer den drei Synagogen oder Tempeln sind noch zwei kleinere Bethäuser, deren Gemeinden von äußerster orthodoxer Richtung waren, ein Raub der Flammen geworden. Dagegen war es ein Jrrthum, daß auch das Bet-Ha-Midrasch ein gleiches Schicksal erfahren hätte. Sonst stehen die Dinge unter den Juden schlecht genug, vielleicht schlimmer, als man anfänglich überschauen konnte. Reiche, von denen die meisten theils zur „Ansche Mäarib"-Gemeinde, theils zur Reformgemeinde von Dr. Chronik, der nach Deutschland heimkehrt, gehört haben., giebt es. keine mehrMEud.de* Mittelstand ist beinahe verarmt; wer sollnun das anschwellende Heer der Armen unterstützen? Und dazu kommt noch der Winter, um die Bedürfnisse und das Elend zu. vermehren und den Wiederaufbau der verwüsteten Stadt zu behindern. Außerdem macht sich bei der Bertheilung der zufließenden Unterstützungsmittel von den auswärtigen Gemeinden Amerikas ein wesentliches Uebel geltend. Wir haben hier, wie in anderen amerikanischen Städten, einen, die gesammte Judenschaft, ohne Unterschied der gesonderten Cultusgemeinden oder Genossenschaften, umfassenden Wohlthätigkeitsverein, dessen Comits in dieser Nothzeit den Empfang und die Austheilung der eingehenden Hilfsmittel übernommen hat. Nun haben aber auch unsere sogenannten „Bne-Brithlogen" — eine den Freimaurerlogen ähnliche jüdische Organisation — ein Cornits zu gleichem Zwecke etablirt. Dieses Comits nimmt sich ausschließlich der „Ordensbrüder" an, während das erstere Counts alle einlaufenden Mittel für eine allgemeine Unterstützung in Anspruch nimmt. Hieraus entsteht eine bedauerliche Reibung. Die Cultusgemeinden sind sämmtlich, die eine mehr, die andre minder , sei es durch Verarmung oder Austritt oder Abreise ihrer Genossen, arg heruntergekommen, sie sind nur noch Trümmer oder Wracks. Man schätzt, freilich amerikanisch übertrieben, den Verlust. der jüdischen Geschäftsleute insgesammt auf 20 Millionen Dollars. Konnte hier, wie überall in Amerika, früherhin eine tiefer greifende religiöse Entwickelung nicht Wurzel fassen, hauptsächlich wohl darum, weil das geschäftliche Glück Geist und Gemüth mit Beschlag belegte, so dürften jetzt hierorts wahrscheinlich auf Jahre hinaus Unglück und Sorge den Boden für die religiöse Geistesarbeit noch unfruchtbarer machen. Wenn die Juden bisher, gleichviel, ob sie sich „fromm" oder „aufgeklärt" nannten, die Canzeln mit ihren Lehren und Erbauungen vernachlässigten, weil sie an den Sabbathen ihren Geschäften so gut wie an den Werkeltagen nachgingen, so werden sie nunmehr die Entschuldigung dafür haben, daß es die bedrängten oder drängenden Umstände so erheischen. Der Geist wird gegenwärtig noch mehr hinter die Materie zurücktreten müssen; hoffen wir, daß eine bessere Zukunft nicht gar zu lange ausbleiben werde. Chicago, 1. Dec. „Keine Classe unserer Bevöl- . keElg) sagt die' chieagoer Illinois Staarszeilung, hat wohl verhältnißmäßig stärkere Verluste erlitten, als unsere israelitischen Mitbürger, und dennoch macht keine Classe weniger Lärm mit ihrer Noth, als eben diese. Obgleich die israelitischen Geschäftsleute 20 Millionen Dollars verloren, und somit genug mit sich selbst zu thun haben, ist doch eine Organisation von ihnen unmittelbar nach dem Brande gegründet worden, um die Unterstützung der abgebrannten Glauvensbrüder in ein System zu bringen und ausschließlich unter israelitische Obhut zu nehmen. Obgleich 15,000 Juden in Chicago sind, sieht man doch keinen davon sich an die allgemeinen oder speciellen Unterstützungscomits's wenden. Die hiesigen Logen der B'nai Berith haben an ihre Logenbrüder in den vereinigten Staaten appellirt, und diese entsprachen in erfreulicher Weise. Bis szum 5. November waren gegen 18,000 Dollars eingegangen uud an 153 Familien ausbezahlt worden. Um eine dauernde Hilfe für die bedürftigen Israeliten zu gewähren, sind noch 50,000 Dollars erforderlich, und wir hoffen, daß die Summe von den Israeliten der vereinigten Staaten zusammengebracht werden wird. Die Art der Unterstützung