Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1872)
- Date
- 1872-01-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 nicht beschneiden lassen. Das einjährige Kind verstarb, und ehe es begraben wurde, nahmen ohne Zustimmung des Vaters die mit der Beerdigung beschäftigten Männer die Circumcision vor. Der Vater hat hiergegen Klage erhoben, und man ist auf die Entscheidung gespannt. Pest, 22. December. (Privatmitth.) Das ministerielle Amtsblatt thut sich viel auf eine große Anzahl Zustimmungsadressen zugute, welche an den Cultusminister Pauer für „die Gewährung der Autonomie an die orthodoxen Juden" eingelaufen sind. Es hebt besonders hervor, daß dergleichen von dem Baron Willy v. Rothschild in Frankfurt (man kennt den Geisteszustand dieses Herrn!), Hirsch, Rabbiner der Separatgemeinde in Frankfurt, und Dr. Adler in London gekommen sind. Auch über den letzten der Genannten wird man sich nicht wundern; denn nachdem er vergebens versucht hat, die Londoner Reformgemeinde (Westend-Synagoge), welcher die intelligentesten Männer angehören, mit dem Banne zu belegen und durch diesen zu bezwingen, will er auch die Orthodoxen völlig frei haben, und versucht es einmal mit der Gewissensfreiheit. Wie dem auch sei, man muß den Orthodoxen das Verdienst der Rührigkeit zuerkennen. Sie versäumen nichts, um Lärm zu schlagen und die Blicke der Welt auf sich zu ziehen. Ob ihnen aber die Früchte ihres Sieges so süß sein werden, wie sie es sich träumen, ist sehr zweifelhaft. Ost ist ein Sieg der erste Schritt zum Verfall. In unfern Tagen hat eine religiöse Frage nur so lange ein besonderes-Gewicht, als um sie gestritten wird. Sobald die Parteien nichts mehr zu erkämpfen haben, sondern ihnen gewährt worden ist, was sie wünschten, erschlaffen sie. Freilich wird an zahlreichen Orten der Hader erst recht beginnen, und zwar um den Besitz des Gemeindeeigenthums. Dies kann aber nur in vereinzelter Weise geschehen. Die ungarischen Gerichte werden viel jüdisches Geld schlucken. Allein man will es ja nicht anders. — Wahr ist es, daß die ungarischen Orthodoxen sich auf den Standpunct der Gewissensfreiheit gestellt haben, und zwar einer solchen, welche die vollständige Anarchie bedeutet. Das ungarische Abgeordnetenhalls, und ihm folgend der jetzige Cultusminister, haben dieser Gewissensfreiheit gehuldigt, weil sie eben für die Juden bestimmt ist, während beide Instanzen für die Katholiken und Protestanten die strengste Kirchenorganisation festhalten und nicht daran tasten lassen. Was gehen sie die Zustände der Juden an, wenn sie dabei Gelegenheit haben, mit einem liberalen Principe groß zu thun, während sie dasselbe für ihre eigenen Kirchen', entschieden abweisen. Indessen wird man sich nicht täuschen lassen, denn hinter dieser Gewissensfreiheit der Orthodoxen steckt doch nur der unbedingteste Gewissenszwang, nämlich die Unfehlbarkeit des Schulchan-Aruch. In der That ist es recht naiv, wenn unsere Glaubensgenossen sich so sehr über das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes verwundern. Die Unfehlbarkeit eines vor einigen Jahrhunderten abgefaßten Codex ist jedenfalls drückender, die Gewissen fesselnder, für jede Geistesbewegung gefährlicher, als die Unfehlbarkeit eines lebenden Menschen. Dort steht der unverrückbare Buchstabe, der keine Entwickelung, keine Veränderung der Verhältnisse, der Bedürfnisse, der Zustände, der Geistes- und Gefühlswelt zuläßt oder berücksichtigt: hier vermag der jeweilige Inhaber der Unfehlbarkeit als lebender Mensck doch bald in diesem, bald in jenem Puncte den veränderten Umständen Rechnung zu tragen. Was also erlangt worden ist, bedeutet nichts Anderes, als die Freiheit, den Gewissenszwang auszuüben. Man hat die. Freiheit, die Gemeinden auf Grund b<>8 Schulchan-Aruch zu organistren. Sobald aber eine solche Gemeinde organisirt ist, so steht das Individuum unter dem ärgsten Gewissenszwange, unter dem Buchstaben des Schulchan-Aruch und den Geboten seiner Träger. Jndeß hierin liegt auch der Keim der Vernichtung, der, vielleicht viele Jahrzehnte noch zurückgehalten, später um so üppiger hervorschießen wird. Frankreich. Paris, 3. December. Gestern wurde das Denkmal, welches zum Gedächtniß an den Commandanten der reitenden Eclaireurs der Seine, den tapfern Fr an ch e t t i, errichtet worden ist und am Beginne des Weges von Brie nach Villiers dicht bei Brie an der Marne liegt, eingeweiht. Es wurden hierbei von dem Großrabbiner , dem Major Favrort de Kerbeck und Herrn Gabriel Benott-Champy, einem frühern Kampfgenossen des tapfern Commandanten, Reden gehalten; besonders letzterer sprach mit glänzender