Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1871)
- Date
- 1871-12-26
- Page
- Seite 1053 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1053 Geister, namentlich für Shakespeare, gab er bei jeder sich darbietenden Gelegenheit kund; dennoch aber erschien damals in den Grenzboten ein größerer Aufsatz.: „Shakespearemanie", der sicherlich Kaufmann zum Verfasser hatte. Anfragen hierüber beantwortete er fast immer ausweichend: „Sämmtliche Mitarbeiter an den Grenzboden bilden ein Ganzes, und da weiß fast Keiner, was er- oder der Freund geschrieben." Von Knranda, der nur selten nach Leipzig kam und den er als „ambulante Nedaction" bezeichnete, sprach er mit inniger Wärme und Freundschaft. Irre ich nicht, so war es auch Kuranda, der Kaufmann bestimmte sich dem Literatenthum zu widmen, nachdem er aus folgendem Grunde, wie er mir selbst erzählte, sein Fachstudium, die Medicin, verlassen. Er hatte seine Studien vollendet und sich nach Wien begeben, um da als Arzt zu prakticiren. Einer seiner ersten Patienten war ein guter Freund von ihm, den er schon erkrankt und ohne Bewußtsein traf. So viel wie möglich, gebe ich Kaufmanns eigene Worte: „Sie können sich meinen Herzenswunsch, bald zu „helfen, denken! Die Angehörigen des Kranken erwar- „teten mit Angst und Ungeduld eine Aeußerung von mir, ^.,ich aber konnte weder verschreiben, noch überhaupt eine Anordnung treffen. War ich ja darüber mit mir nicht ,einig, ob das heftige Phantasiren Folge eines Nerven- ,fiebers oder einer Gehirnentzündung sei. Wiederholte sorgfältige Untersuchung bestärkte meine Zweifel, und ,ich bat endlich die ticsbetrübte Familie einen-, andern .Arzt holen zu lassen. Damit nahm ich auch von der .ärztlichen Praxis Abschied." Bescheiden undohnejede Eigensucht,wie Kaufmann war, ewährte e§ ihm die größte Freude, auf junge Talente usmerksam zu machen. So wurden Karl Beck, Alfred Meißner und Moritz Hartmann von ihm zumeist durch ie Grenzboten eingesührt und empfohlen. Von Hartmann versprach er sich besonders viel. Ob ,ierbei die Landsmannschaft und die Glaubensgenossenschast - >ren Einfluß äußerten? Ich glaube es kaum; da war Kaufann zu wahr und zu klar. Mieder ja den Umgang mit zwei rdern, sehr begabten Glaubensgenossen und Landsleuten „ st ängstlich. Um den Grund befragt, erklärte er: „Der sie ist mir zu viel deutscher Philosoph und der an- -re zu sehr österreichiscber Schwarzrock." — e „Max ist ein Gentleman," setzte er dann stolz ' izu. So äußerte sich Kaufmann, wie Freytag berichi . über Max Schlesinger. ji: Dieser Stolz, sonst Kaufmann so fremd, war >i reswegs der des böhmischen Oesterceichers auf seinen 1 .Zyarischen Landsmann, sondern der auf seinen Glauc lsgenossen, der mit ihm im reinen selbstlosen Streben ‘ dem als wahr und recht Erkannten sympathisirte. Auch Max Schlesinger gehört zu den jüdischen Missi-;1 iren, und hat, wenn auch ohne dies zu beabsichtii, schon manchen unschuldigen deutschen Judenfeind, der es nur auS Unwissenheit und Beschränktheit war, in England gründlich bekehrt. So habe ich nur noch, was ich über den Glaubensgenossen Jakob Kaufmann weiß, zu berichten. Er war von dem rechten Moseseiser beseelt, der kein Unrecht stillschweigend hingehen läßt, also ein wahrer Israelit. Anfangs war er sogar bemüht, direct für und auf seine Glaubensgenossen zu wirken. Er war Milausgeber eines Taschenbuchs für Juden: Jeschurun, das auch werthvolle Beiträge, z. B. „Böhmische Juden", von ihm. enthielt. Aber sonst auch im Le<en war er immer der Erste in dem Kreise, wo es galt, ungerechte Angriffe auf Juden und Judenthum abzuwehren. So erinnere ich mich noch mit vieler Freude eines sonst wahrlich in keiner Beziehung erfreulichen Vorkommnisses im Sommer 1SM. Damals brachen die Webernnruhen im schlestscken Gebirge aus, uud die ersten Berichte in den Zeitungen i zumeist von dem bekannten Pelz) schilderten sie als von hartherzigen jüdischen Fabricanten herbeigeführt und zumeist auch nur gegen diese gerichtet. Daun folgte der Angriff auf die Billa des Fabricanten Zwanziger, der seine Person nur mit vieler Mühe retten konnte. Einige Tage darauf kam Kaufmann, ein eben empfangenes Schreiben in der Hand, voll freudiger Aufregung und sagte: „Wissen Sie, Zwanziger ist kein Jude, und überhaupt die Weber mit den jüdischen Fabricanten noch am meisten zufrieden. Ich habe mir dieses sorgfältig angelegen sein lassen und werde jetzt Wahrheit bringen." In der That hatten die Grenzboten dainals gründliche und wahre Berichte über die Weberunruhen und wie sie entstanden waren. Im Jahre. 1845» verließ ich Leipzig und kam im nächsten Jahre nur noch einmal mit Kaufmann zusammen. Kausinann aber blieb bis zu seinem Lebensende zur Verwirklichung seiner Ideale auf dem Kampfplatz. Ob er immer gesiegt? ich weiß es nicht; nicht eintnal, ob Julian Schmidt ihn, und somit auch Juden und Judenthum, erkannt hat: unterlegen aber ist er nie, daS weiß ich sicher. Aber auch große Siege hat er errungen, um so größer, als er den Überwundenen erst recht zum großen und wahrhaften Siege verholfeu hat. Und so schließen wir mit den warmen anerkennenden Worten G. Freytags, die ihn eben so wie den Heimgegangenen ehren: „Nicht die Könige, nicht die Staatsmänner haben die „großen Ideen, auf denen das neue Deutschland ruht, zuerst „gefunden und im stampfe vertreten, sondern Männer „aus kleinen Kreisen des Lebens, von denen viele keine „gerühmten Namen hinterließen. Zu ihnen gehörte der „böhmische Judenknabe, der aus eigner Machtvollkom- „menheit ein deutscher Patriot wurde — — und der