Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-12-26 · Heft 52 (26.12.1871) · p. Seite 1054

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 52 (26.12.1871)
Date
1871-12-26
Page
Seite 1054 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226851--30175-3253047
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1054 „noch, als Liebender für selbstverständlich hielt, daß „der Mann, welcher für die Bildung und die Freiheit „seines Volkes lebt, im eigenen Leben die Güter dieser „Welt gering achten müsse." So viel auch Gustav Freytag gegen uns verschuldet, mit diesen Worten hat er sein „Soll und Haben" ehrlich und vollständig ausgeglichen.*« .n. Vermischtes. Die Arch. isr. lassen sich von Jerusalem unter dem 9. Oct. folgendes Histörchen schreiben: „Es gab in Jerusalem eine alte arme Polin: sie wollte ihre Tage in der heiligen Stadt beschließen. Sie lebte von einer Pension, die ihr von ihrem Sohne, einem kleinen Kaufmanne in Polen, zugesandt wurde. Eines Tages empfing sie von ihm 300 Rubel; sie hatte dieselben noch nicht angerührt, als sie erfuhr, daß alles, was der Sohn besaß, durch einen Brand vernichtet worden sei. Sie beeilt sich, ihrem Sohne das eben empfangene Geld zurückzusenden. So wurde sie ganz arm und zuin ersten Male gezwungen, die Hülfe der Chaluka anznrufen. Sie geht zu Herrn Mamone, der die Verkeilung der Gaben seiner Getneinde zu besorgen hat. Der kleine alteMann,dessenHerz eben so trocken wie seine Haut, verweigert ihr jede Hülfe: anstatt ihr Verfahren gegen ihren Sohn zu loben, macht er ihr einen Vorwurf daraus; sie fleht, er stößt sie zur Thüre hinaus, sie fällt hin, und drei Tage darauf stirbt sie. Der brutale Almosenvertheiler wünschte sich sicherlich Glück, der Buten dieser Frau ledig geworden zu sein, als am Tage nach dem Begräbniß sein Opfer sich vor ihm anfrichtet, und ihm gebietet vor dem Beth Din im Todtenreich zu erscheinen. Der Mörder stößt ein Schreckensgeschrei aus, man drängt sich um ihn, er erzählt, was er soeben gesehen und gehört hat. Rabbiner begeben sich auf den Friedhof, um die Todte zu beschwören, Ruhe zu halten. Alles umsonst, sie erscheint am andern Morgen und die folgenden Tage wieder. Dies dauert schon zwei Monate. Der erschöpfte Gesundheitszustand des unmenschlichen Alten zeigt, daß er bald dem schrecklichen Rufe folgen wird. Mögen doch diejenigen, welche sich in Jerusalem an den Almosen, die für die Armen bestimmt sind, bereichern, von dieser Lection Nutzen ziehen." *, Gustav Frcytag hat schon vor einigen Jahren offenmütbig seine veränderten Ansichten über Juden und Judcnthum in den „Grenzöoten" ausgesprochen, worüber wir auch scincrzcit berichteten. Die Redac tion. Der Leser wird errathen haben, daß unter dem Herrn Mainone ein bestellter Almosenvertheiler gemeint ist, dessen Namen anzuführen der Briefschreiber Anstand nimmt. Der Aberglaube, daß Jemand, dem blutiges Unrecht geschehen, den Urheber feines Todes binnen einer' gewisien Zeit vor den Richterstuhl Gottes ladet und dieser dann bis zur bestimmten Zeit stirbt, ist auch in der jüdischen Masse in manchen Ländern noch heute heimisch. Er ist aber dein Judenthume nicht eigenthümlich, sondern war im Mittelalter, wo die „Gottesurtheile" eine so große Rolle spielten, überall'verbreitet. Wir erinnern an den historischen Fall, wo Molay, der letzte Großmeister des Tempelritterordens, vor seiner Hinrichtung seinen Richter und den König selbst im Laufe eines Jahres vor den Richterstuhl Gottes berufen haben soll und beide bis dahin auch wirklich starben. In dem obigen Histörchen ist der Aberglaube noch stärker aufgetragen, denn der Geist des verstorbenen Mütterchens ermüdet nicht, sich Tag für Tag zu zeigen und zwar Monate lang. Man sieht daraus abermals, wie schnell ein Gerücht im Munde des Volkes wächst. Hier soll jedenfalls der Aberglaube dazu benutzt werden, die Almosenvertheiler in Jerusalem, denen seit langer Zeit schon so viel Böses nachgesagt wird, zu einer gerechteren und wohlwollenderen Vertheilung zu bewegen, welche Wirkung auch wohl für einige Zeit eintreten wird -. für einige Zeit, denn über kurz oder lang überwindet Selbstsucht und Habgier sogar die Schrecken des Aberglaubens. Eine Discussion über die Sendung Jesu von Nazareth hat drei Abende hindurch in Birmingham in ver Temperance-Hall zwischen Hr. Roberts, dem Präsidenten der „ Christadelphians" von Birmingham, und Herrn L. Stern, der als ein orthodoxer Jude angesehen wird, stattgefunden. . In dem Disput hat Hr. Stern die von christlicher Seite vorgebrachten Beweise kritisch untersucht, um deren Schwäche nachzuweisen. Es ist merkwürdig, sagen die „Morning News" von Birmingham, einen Repräsentanten des Judenthums so seine Religion vertheidigen zu sehen, nachdem diese unterdrückte Race so lange Stillschweigen beobachtet hat. Die Zuhörerschaft war zahlreich, und in Anbetracht des Gegenstandes hat durchweg der größte Anstand während der Discussion geherrscht. Verlag von Baumgartner's Buchhandlung iu Leipzig. — Druck von % B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.