Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1871)
- Date
- 1871-12-26
- Page
- Seite 1052 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1052 verschiedenen Orten zur nämlichen Zeit. So ergeht e8 uns auch mit dem Leben. Ob wir wachsame oder müßige Zuschauer und Beobachter feien, ob wir den Dingen, die an uns vor übergehen und an denen wir hinwandeln, ein aufmerksames Beachten schenken oder nicht: es bleiben uns stets dunkle, geheimnißvolle Partien, und nur hier und da fallt über einen beschrankten Raum das Helle Licht der Erkenntniß und des Verständnisses, so daß wir über Wesen und Bedeutung uns völlig klar werden, über Höhe und Tiefe einen richtigen Maßstab, über Werth und Schönheit ein gründliches Urtheil erlangen. Ach, wir irren gar zu oft, wenn wir richtig zu sehen glauben, und zweifeln, wo uns die Ahnung der Wahrheit aufgegangen! Doch Zweifaches muß ich Ihnen schon heute und ein für allemal sagen. Sie erinnern sich \ei\iv alten jüdischen Weisen, der feinen Schülern die Frage vorlegte: welcher Weg der rechte sei, den der Mensch verfolgen solle? Sie antworteten sämmtlich nach ihrer Weise, bis der Eine kur; und einfach sagte: „Das gute Herz!" Der Weise rief ihm Beifall zu und stellte ihn weit über alle feine Genossen. Andere Weise gab es, wie Aristoteles und Maimum, welche die menschliche Seele in verschiedene Kräfte zertheilten, die in dem Erkenntnißvermögen gipfelten, dem allein sie die Unsterblichkeit zuschrieben. Freilich schloffen sie in diese Erkenntniß aucb den unbedingten Willen ein, das erkannte Gute zu ihun, die erkannte Pflicht und Tugend zu üben. Aber ihnen schien nur das eigentlichen Werth zu besitzen, was unzweifelhaft durch die Erkenntniß gegangen war, von dieser beleuchtet und gefordert wurde. Ich gestehe, ich bin nickt ihrer Meinung," ich stehe auf der Seite des Abba Schaul, ich erkläre mich für „das gute Herz" des Elieser b. Aroch! Die Erkenntniß gibt uns immer nur mathematische Puncte und Linien, die gedacht werden, aber in der Wirklichkeit nicht cxisiiren. Das gute Herz aber ist der Strom, der die Fluren des Lebens unaufhaltsam durchsließt, der überall hin seine befruchtende: Feuchtigkeit verbreitet und das Gesilde mit unübertrefflicher Anmuth belebt. Und wenn wir nun, theurer Freund, mit einander durch unser vergangenes Leben schreiten und das Letzte und Kostbarste, was wir mit oder ohne Mühe gesammelt haben, gemeinsam betrachten wollen: so sei das gute Herz immer und immer wieder das hellgeschlissene Glas, durch welches wir unsere Objecte in Augenschein nehmen. Das Andere aber ist dies: erwarten Sie von mir keine Auslassung, Erörterung oder Beobachtung, die nicht immer wieder zur Religion wie zu einem Herde des Lichtes sich zurückwendet, zu jenem erhabenen Berhaltniß, das zwischen dem Göttlichen und Menschlichen besteht, oder das Göttliche im Menschen zu seiner Basis hat. Hierhin^ ich sage es Ihnen offen, münden^alle Ströme meines Daseins, und selbst von «eit her lenken sich alle Wellen meiner Gefühle und Empfindungen dahin zurück. Doch dies ist eben das, was ich Ihnen oft genug in meinen Briefen anzuvertrauen haben werde, und darum — frisch hinein in das, was man gewöhnlich das neue Jahr nennt. Noch einige Erinnernngett an Jakob Kaufmann. Wir erhalten von einem geschätzten Mitarbeiter folgend- Zeilen, die er niedergeschriebeu hat, nachdem er Jakob Kaufmanns Nekrolog von Gustav Freytag in Nr. 47. d. Bl. gelesen' hatte. Auch Schreiber dieses lernte Kaufmann Anfangs bei 40er Jahre in Leipzig kennen, achten und lieben, unl kann aus voller Seele Freytags herzinnigen Wörter beistimmen. Es dürfte Manchen interesiiren, wenn ich aus meiner Erinnerungen üb.r Kaufmann Einiges mittheile; vielleicht werden dadurch auch andere Freunde des Heimgegangenei zu ähnlichen Mittheilungen angeregt. Kaufmann wohnte damals mit Julius Sehbt zusam! men, dessen würdige Mutter ihnen die Wirthschaft führti Der talentvolle Seybt, der junge und sonnige Juliu Hanuner und ein junger Leipziger Buchhändler warei fast immer mit Kaufmann zusammen, wenn er in de späten Abendstunden im Eafö National erschien, un schnell hatte sich ein Kreis von Freunden und Gesir uunasaenosscn um den runden Tisch, wo er Platz gcuvn men hatte, ein gesunden. ES dauerte wohl ewige Zeit, bevor Kaufmann f recht am Gespräch Theil nahm, dann aber, wenn i sprach, war alles so durchdacht, so das Rechte treffend, da bald jeder Widerspruch, jeder Streit beigelegt wurd Sein Urtheil war immer klar, besonnen und schonen: weder Zunoch Abneigung konnte ihn aus seinem rick Ligen Tacte, der in feinem hohen Rechtsbewußtsein hl gründet war, bringen; doch sprach er immer ohne Sche das von ihm als richtig Erkannte aus. So z. B. ai ßerte er sich, als der junge Buchhändler seine Batersta! mit den Goelheschen Worten und noch etwas mehr als : sehr herausstrich: 3a, ein klein Paris mit aller sein. Eleganz und den feinen Redensarten uno seiner — Gemüt! losigkeit. „Leipzig ist doch aber auch die Mutter den scher Wissenschaft!" — Die Mutter denn doch wo nicht;-entgegnete Kaufmann — höchstens die Wehemutte die Hebamme. — (£r mag hierzu wohl gewichtige Gründe gehabt h. ben, ebenso wie zu der kräftigen Abfertigung m artiolb Rüge, die er mit seinem Namen unterschrie Ww schwer dies seiner Bescheidenheit auch ankomm, mochte, seine Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit ließen es nic anders zu. g Seine Verehrung für England, für seine groß?