Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1871)
- Date
- 1871-12-26
- Page
- Seite 1051 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Feuilleton-Beilage zu Ar. 52. Leipzig, den 26. December 1871. Vertraulicher Briese erster. (Einleitend). Deinen Vertrauten nennest Du mich — wohlan! ^icht WaS Du thatest und waS Dir begegnet, Zein! waS Du dachtest und fühltest in den Kammern der Seele, "Das Du als Garben heimtrugst aus den Ernten des Lebens — )as vertraue mir an! —! Es war mir stets unangenehm, ja zuwider, im bürgerlichen Leben einen Zeitabschnitt, einen Schluß und jnen Anfang in dem immer sich wiederholenden Kreise :r Zeit anzunehmen., und meine Arbeiten danach abzu-' jhließen und wieder zu beginnen. Tag und Mond hat .'.r Schöpfer dem Erdenbewohner, und zwar jedem für >;e Scholle, auf der er sich niedergelassen, angezeigt. )Zv ist aber der Anfang und das Ende des Jahres, der beginn und der Schluß des Kreislaufs der Erde um <e Sonne? Es kann mit demselben Rechte jeder andere ,ag des Jahres dafür angesetzt werden — und nun illen wir nach dieser willkürlichen Verfügung unsere!cbeiten schließen und wieder anheben, ohne eine zwinnde Ursache von innen heraus? Es macht mir daher t heimliches Vergnügen, solche Uebergänge gewisserißen zu verschletfen, und statt den kurzen Erdenpfad r durch unnöthige Gräben zu durchschneiden oder rch Hecken zu versperren, denselben möglichst zu ebnen d gerade hinaußzuführen. . Sie werden daher gar nicht erstaunen, mein treff- >er Freund, wenn Sie in der letzten Nummer dieses hrgangs den ersten der vertraulichen Briefe lesen, . ich Ihnen zu schreiben beabsichtige. Wird es Ihnen, den ern und mir doch dadurch zu einer Bürgschaft, daß uns mit dem neuen bürgerlichen Jahre von einangar nicht zu trennen gedenken, sondern erst recht im ^iste uns einander zu nähern. Ich habe hierzu auch ein nsseS Recht; denn da ich diesen Brief nur als eine Art leitung schreibe, verliert der nächste Jahrgang nickts onderes daran. Aber, werden Sie sagen, ich habe Sie durch obiges slein — und manche andere — aufgefordert, mir rauliche Briefe zu schreiben, und Sie rücken sofort in die Oeffentlichkcit hinaus? Nun, erwiedere ich, cs wird eben nichts Geheimes, nichts Geheimzuhaltendes in diesen Briefen Vorkommen, sondern nur Vertrauliches, d. h. was ein Mensch dem andern aus seinem innersten Geistesleben wohl.mitzutheilen hat, ohne daß es in einem streng wissenschaftlichen oder systematischen Gewände erscheint, was so unmittelbar aus seinen.Erlebnissen und Erfahrungen entsprungen, seine innersten Gedanken und Empfindungen über Welt, Mensch, Leben, Gesellschaft betrifft, und was die allgemeinen Beziehungen der Menschen unter einander und zum gesammten Dasein angeht. Sie haben mir dadurch ein freundliches Wort herausgelockt, und Ihre Freundschaft sprach die Formel aus, durch welche sich die unabsichtlich verschlossenen Pforten meines Innern aufgetban haben. Und da ich nun mit allen meinen Lesern gern auf vertrautem Fuße stehe, und kein Gcheimniß wor ihnen habe, so mögen auch diese Briefe, nachdem Sie dieselben gelesen haben, allen denen vorgelegt werden, welche sie zu lesen würdigen wollen. Wer ein längeres, wenn auch nicht viel bewegtes, doch viel beschäftigtes Leben, geführt hat und in die mannigfaltigsten Wechselbeziehungen und Wechselwirkungen mit einer großen Anzahl Menschen aller Stufen und Elasten gekommen ist, dem häufen sich die Beobachtungen, die er dem Leben entnimmt und die ihm das Leben anfdrängt, dem gestaltet sich die innerste Anschauung vom Leben in eigentümlicher Weise und beherrscht ihn mit mehr oder weniger Bewußtsein. Dabei ergeht es ihm, wie wenn Jemand über die Oberfläche unsrer Erbe in eine höhere Luftregion hinaufsteigt, und nun unter sich diese Kugel hier und da im hellsten Sonnenlichte, da und dort von Wolke und Nebel umhülll erblickt. Es ist in Wirklichkeit nicht so, wie es uns dort unten erscheint, als schwämme die ganze Erde im Sonnenlichte. wenn einmal unser Horizont daS blaue Gewölbe mit dem goldnen Balle zeigt; oder als wäre sie ganz und gar vom dichten, weißgrauen Nebel umschattet und umschleiert, wenn dieser aus unserem beschränkten Thale ausgestiegen ist und sich mit dem Gewölk vereinigt hat, wie auf der See die Gewässer unten und die Gewässer oben zu einer gewaltigen Wasserhose. Von oben gewahren wir, daß auf diesem Erdbälle Licht und Nebel zugleich ruhen, nur an