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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-12-26 · Heft 52 (26.12.1871) · p. Seite 1038

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 52 (26.12.1871)
Date
1871-12-26
Page
Seite 1038 (sequence 4)
Language
German
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1038 geistige Krüppel, deren Blick über ihre finstere „Studicrstube" nicht hinausreicht! Was Wunder also, daß Alles auf dem alten traurigen Flecke bleibt, daß uns nirgends der Hoffnungsstrahl einer schöneren Zukunft leuchtet. Freilich ist es nicht zu leugnen, daß der Besuch der höheren Schulen seitens unserer Glaubensgenossen weit, weit über Verhältnis; zunimmt, was gewiß als ein schönes Zeichen von dem BildungSdrange der Juden gelten darf. Doch wissen wir wahrhaftig nicht, ob wir von unserm specisisch jüdischen Standpuncte aus mehr darüber trauern oder uns freuen sollen, da allen denjenigen, welche diese höheren Lehranstalten besuchen, nach und nach jede Spur von jüdischem Wissen und jüdischem Gefühl abhanden kommt, abhanden kommen muß, weil sie ohne allen Religionsunterricht oder wenigstens ohne solchen bleiben, wie er ihrem befferen Geschmack und ihrem höheren Bedürfuiß entspricht. Die Schlaffheit und Unfähigkeit in den Gemeinden der Provinz ist so groß, daß selbst, Sie werden es mir kaum glauben, daß selbst die größten, reichsten und intelligentesten, wie Kalisch, Lodz, Plock, Wloclawek, — der kleineren, ärmeren und der intelligenteren Elemente entbehrenden ganz zu schweigen! — es noch nicht als Bedürfniß erkannt haben, für die Schüler und Schülerinnen der Gymnasien, Real-, Gewerbe- und Handelsschulen, resp. für die Mädchengymuasien einen zweck- und zeitentsprechenden Religionsunterricht einzuführen! Glauben Sie aber nicht, daß dies etwa aus. dem' Grunde unterbleibt, weil die Regierung es so will! Denn das gerade Gegentheil ist die Wahrheit. Der Curator des Warschauer Lehrbezirks, Herr Geheimrath Witte, ein durch und durch humaner und toleranter Alaun, dem jede konfessionelle Bevorzugung und Hintansetzung zuwider ist, hat wiederholt bei seinen Schulinspectionen den Vertretern der Gemeinde gegenüber sich dahin ausgesprochen, daß ihm nichts willkommener wäre, als auch einen jüdischen Religiouslehrer an den höheren Unterrichtsanstalten mit staatlicher Qualisication anstellen zu können, wofern nur die Gemeinden einen solchen präsentiren würden. Dieser Fall wird aber schwerlich so bald eintreten, da die jüdischen Ortsgeistlichen mit ihrem verwahrlosten Aeußern, mit ihrer erschrecklich mangelhaften zeitgemäßen Bildung — sie sprechen weder polnisch, noch russisch, noch deutsch, sondern einen gräulichen Mischmasch von alle dem, — weder befähigt sind noch sich berufen fühlen an einer höheren — christlichen! — Lehranstalt thätig zu sein, und Gemeindevorstand und Gemeindemitglieder zu dem Gedanken, einen eigenen, dazu qualisieirten Religionslehrer anzustellen, aus Mangel au Erkenntniß und Verständniß sich noch nicht zu erheben vermögen. Einer erfolgreicheren Wirksamkeit müßten die israelitischen Regieruugselementarschulen, welche, so wie die an ihnen fuugirenden Lehrer mit staatlichem Charakter bekleidet sind, unbedingt sich erfreuen, wenn erstens der Schulzwang wäre, und zweitens das Interesse der Gemeindevorstände und Gemeindemitglieder für sie in größerem Maße sich zeigte. Da aber leider beides nicht der Fall, so vegetiren sie blos: ihre Erfolge stehen weit, weit hinter den mäßigsten Erwartungen und Ansprüchen, so daß, wie schon früher einmal in diesem Blatte erwähnt wurde, die Negierung beabsichtigt, sie ganz und gar'aufzulösen, was allerdings sehr zu bedauern wäre. Schlimmer noch als bei der männlichen Jugend gestalten sich die Verhältnisse bei der weiblichen, wie dies auf der Hand liegt. Jene besuchen doch dann und wann die-Synagoge, beten zu Hause in hebräischer Sprache, haben früher einmal im Cheider einen wenn auch noch so miserablen hebräischen Unterricht genosien, so daß immer noch eine Ahnung vom Judenthume in ihnen hasten bleibt. Aber die israelitischen Mädchen, und namentlich die unteren Elasten, die weder ein Cheider noch eine Synagoge besuchen, noch jemals ein Andachtsbuch in die Hand nehmen, nehmen können, nehmen dürfen. Ich brauche Ihnen die sittlichen Folgen dieser Verhältnisse nicht weiter außzumalen; es genügt an dieser Stelle, sie als ganz schrecklich zu bezeichnen. Und zum Beweise dafür, daß ich mich durchaus nicht etwa von einem subjectiven Hange zur Schwarzseherei leiten laste, will ich Ihnen — was nützte auch die Vertuschung? — nicht verschweigen, daß ein in Warschau erscheinendes polnisches Blatt jüngst den Muth haben konnte, darauf hinzuweisen, daß die meisten prostituirten Dirnen in Warschau ihrer Confession nach dem jüdischen Glauben an gehören. Beruht dies auch jedenfalls auf einer gehässigen, feindseligen Uebertreibung, so ist es leider doch nicht minder wahr, daß die sonst so gerühmte jüdische Sittlichkeit, die weibliche Sittsamkeit unter unfern GlaubenSgenosten in Polen, wo die jüdische Jugend ohne allen Religionsunterricht, oder jedenfalls ohne vernünftigen Religionsunterricht aufwächst, arg, sehr arg erschüttert ist. Dafür können leider auch kleinere Städte als Warschau die traurigsten Belege liefern.

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