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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-12-26 · Heft 52 (26.12.1871) · p. Seite 1037

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 52 (26.12.1871)
Date
1871-12-26
Page
Seite 1037 (sequence 3)
Language
German
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1037 Absonderung innerhalb unserer Glaubensgenossenschaft nach den beiden entgegengesetzten Standpnncten weder im Leben, noch im Cultus. Mag doch, sagt sie, jeder Einzelne sich seinen religiösen Codex nach seinem Willen zurecht bilden und danach leben; wir wollen ihn darum nicht verurteilen und, wenn wir mit einander zu schaffen haben, ihn nicht von uns zurückstoßen. Dies ist unleugbar die Gesinnung der großen Mehrheit unserer Glaubensgenoffen, wenigstens in Mittel- und Westeuropa, wie in der gesarnmten neuen Welt. Sie bethätigt es in der Synagoge und noch mehr in der Erhaltung der Gemeinden und den Werken der Barmherzigkeit, welche in einem so umfaffenden Maße gegenwärtig geübt werden, wie niemals früher. Nun, wie beklageuswerth die religiöse Perwirrung, von wie hohem Werthe Klarheit und Entschiedenheit der religiösen Ueberzeugung auch ist, so bietet doch die eben bezeichnete Gesinnung eine so volle Entschädigung und bewährt einen so südlichen Charakter, daß wir sie nur hochschätzen können. Mögen daher die Führer der Parteien sich darüber beklagen, mögen namentlich die Wortführer der Orthodoxen deshalb nur um so mehr schmähen und wülhen: ans dem allgemeinen Interesse unserer Glanbensgenoffenschast heraus müssen wir jene Tendenz derselben billigen und sie als den Boden weiterer, wenn auch langsamer Entwickelung ansehen. In diesem Geiste haben wir diese „Allgemeine Zeitung des Iudenthums" stets zu redigiren gesucht, immer und überall unsere Ansichten unzweideutig ausgesprochen, uns aber von jedem feindseligen Gebühren fern zu halten gestrebt und die Scharfe des Wortes nur dann uns erlaubt, wenn der Gegner zu anmaßend und übermüthig aufgetreten war. Eine Gemeinschaft ist niemals um des Individuums willen, sondern das 2ndividmn um der Gemeinschaft willen da. Ohne daher seine Individualität auszugeben, muß der Einzelne doch Achtung vor der Gemeinschaft , haben, und dieser eine gewisse Einsicht und einen Jnstinct zuschreiben, Eigenschaften , denen er sich nicht geradezu entgegensterninen darf. In diesem Sinne, aber nur in diesem, haben wir uns stets über den Parteien zu halten gesucht, und jede derselben nach ihrem Werthe zu würdigen uns bemüht. Und in diesem Geiste werden wir unsere Thätigkeit sortsetzen, so lange die Vorsehung uns die Kraft und die Gelegenheit dazu gewährt. Das Iudenihum verlangt ein Herz für sich; dieses Herz schlägt für das Ganze und für Alle! Äns Niißlai,-. Aus Russisch-Polen, Anfang Dcccmbcr. „Klagen, nichts als Klagen!" werden Sie ausrufen, wenn Sie meine heutige Correspondenz durchlesen. Und doch, was bleibt mir anders übrig als zu klagen, wenn ich auf unsere jüdischen Zustände den Blick werfe und dieselben schildern soll? Zwar hören wir aus Warschau von erfreulichen Versuchen des neugewählten Vorstandes, die traurigen, himmelschreienden Mißstände zu beseitigen und eine bessere Zukunft herbeiznführen, die israelitischen Schulen zu reorganisiren, die Humanir'üsanstalten zu verbessern und zu heben, den Schmu; und die Unordnung, die Einem bei allen religiösen Handlungen und in allen religiösen Instituten entgegenstarren, zu beseitigen,, der gewerbsmäßigen Bettelei, die sich auf den Straßen, auf den Friedhöfen, vor den Synagogen, bei Beschneidungen, Hochzeiten, Leichenbegängnissen u. f. w. mit dein Scheine selbstverständlicher Recht- und Gesetzmäßigkeie etablirt und die Wege versperrt, so viel wie möglich ein Ende zu rnachen. Aber leider ist das Beispiel Warschaus bis jetzt ohne die geringste Nachfolge in der Provinz geblieben; hier sieht es noch eben so traurig wie vordem aus; hier hört man nichts, was geeignet wäre, das jüdische Herz zu erfreuen oder mit frohen Hoffnungen für die Zukunft unseres Glaubens und unserer Glaubensgenossen zu erfüllen. Nichts als gehässige Streitigkeiten des Gemeindevorstandes mit den Gemeindemitgliedern, der Gemeindemitglieder mit den Gemeindebeamten, dieser unter einander, der Chassidim mit den Rabbinischen, der Melamdün mit den staatlich geprüften Lehrern. Nirgends eine edle gemeinnützige That, aus welcher Heil für den Einzelnen wie für die Gesammtheit entspränge; nirgends eine Anstalt, in welcher ein besserer Geist gepflegt würde; nirgends ein Mann, bcm das allgemeine Wohl, dem die Lauterkeit und Ehre des JndenthumS, dem die sittliche und materielle Hebung der unteren jüdischen Claffen wahrhaft am Herzen läge, der es wagte, sich in den Riß zu stellen und Hand anzulcgen an den starrenden Schmu; und den widerwärtigen Schlendrian, der das Grab alles wahrhaft religiösen Lebens ist. Unsere Chassidim sind fanatisch und lichtscheu; unsere Rabbinischen bornirt und träge; unsere sogenannten Vornehmen „über die engen Schranken der Confession erhaben"; die Seelsorger — Gott sei's geklagt! — 52*

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