Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1871)
- Date
- 1871-12-26
- Page
- Seite 1036 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1036 Leidenschaften, welche sich der religiösen Dinge als Mittel ihrer Befriedigung bemächtigt haben. Herrschsucht, Habgier, persönliche Eitelkeit. Zank und Rankesucht sind in den Garten der Religion eingedrungen, verwüsten seine Beete und Baumanlagen, zertreten Strauch und Blume und reißen die Bliithen ab, die sich an Stämmen und Gebüschen entfalten. Wo es sich nur um den stampf der Ideen, um den Streit aufrichtiger Überzeugungen handelt, da werden sich zwar auch Parteien bilden, aber sie werden mit den fortschreitenden Ergebnissen theils einander wiedersinden, theils unter gegenseitiger Anerkennung sich auf immer trennen. Ueberall wird da Klarheit herrschen, und ein Jeder sich auf diejenige Seite stellen, wo er seine Ansichten ausgesprochen findet. Ganz anders aber steht es um die religiöse Verwirrung, wie sie jetzt herrscht, und unter welcher die Religion selbst am meisten leidet. Wir wollen indeß von dein, was in andern Neligionsparteien vorgeht, ganz abfeheu, und uns nur mit unsrer jüdischen Welt beschäftigen. Die Religion will uns die-Erkenntnis; Gottes, der Welt, des Menschen und seines Lebens geben; sie will die lautersten Gefühle in unfern Herzen wecken und nähren, die Gottesfurcht, die Menschenliebe, die Begeisterung für Recht und Wahrheit; sie will unsre Sitten läutern, und uns unsre Leidenschaften beherrschen machen; sie sagt uns klar und bestiinmt, was unsre Pflichten sind, und daß wir sie in der Familie, in der Gesellschaft, im Berkehr, in der Gemeinde,, im Staate, gegen die Menschheck üben sollen. Das ist es, was sie will, und alle ihre Einrichtungen und Gebote können 'und sollen nur diesen Inhalt und Zweck haben, nicht aber will sie, bei allem Nachdruck, ja bei aller Strenge in den angegebenen Zwecken, unfern Verstand tödten, sondern beleben, unferm Herzen nicht Gewalt authun, fonbcvn es befreien, unfern Willen nicht fesseln, sondern zur reinsten Thatkraft beseelen, unser Thun nicht knechten, sondern zum Ausfluß aller dieser Triebfedern machen. Was aber sehen wir aus dieser Religion bei der Mehrzahl der Menschen geworden'?- Was tritt uns in ihrem Namen, zu ihrer Vertheidigung, zur Wahrung und Hebung ihres Einflusses entgegen? Wir wollen heute kein Bild dieses verworrenen Ehaos entwerfen, lein Gemälde von der Verdunkelung, dem Truge, der Heuchelei, dem Mißverständnis;, der Selbstüberhebung und allen den traurigen Motiven der Entstellung und Verkümmerung geben, die gegenwärtig mit der Religion ihr heilloses Spiel treiben. Man wird uns entgegnen: warum schasst Ihr keine Klarheit'? . Warum sprecht Ihr Euch nicht klar und bestimmt aus? Dieser Vorwurf ist ungerecht. Seit Jahrzehnten spricht «tan sich aus der einen wie auf der anderen Seite sehr klar und bestimmt aus, aber — wie Salomo von der Weisheit sagt — man hört nicht darauf. Die Eonservativen mit ihrem starren Festhalten auch an dem geringsten herkömmlichen Gebrauche, mit ihrem Schwören auf den Buchstaben des Schulchcm- Aruch, stoßen außer ihrem kleinen Anhang doch nur auf Berueinnug und Zurückweisung. Die Reformer haben kein anderes Schicksal, und alle ihre Auseinandersetzungen gewinnen nur wenige Geister. Eine Synode von einer Anzahl Rabbiner und Laien faßt tief in das jüdische Leben eingreifende Beschlüsse. Niemand schließt sich, diesen ernstlich an. Niemand führt sie lhatkräfüg aus; selbst von den Mitgliedern der Versammlung nur sehr wenige. 133 Rabbiner erheben ihren Protest gegen diese Beschlüsse, verketzern die Teilnehmer der Synode, fordern die Gemeinden auf, die daran betheiligten Rabbiner abzusetzen; ihre Stimme verhallt, Niemand achtet darauf, ja, im Gegeutheil, man will in den Gemeinden keinen dieser protestirenden Rabbiner anstellen. Die wunderlichsten Pläne werden zu Tage gebracht; da fordern Männer, die nie in Palästina gewesen sind, weder die Verhältnisse noch die Menschen kennen, zur Anlegung von jüdischen Eolonien daselbst aus. Sie sinden selbstverständlich keinen Anklang. Aber da eine kräftige Stimme sich gegen diese Chimäre und zwar schon principiell aussprichl, erheben sich die Orthodoxen gegen diese und wollen deßbalb die Gründung eines jüdischen Genieiudebundes in Deutschland Hintertreiben. Wir führen diese wenigen Züge nur au, um zu zeigen, daß die religiöse Verwirrung nicht aus dein Mangel an klarer und bestimmter Darstellung und Entschiedenheit der Parteien entspringt, sondern aus der eigenthümlichen Beschassenheit unserer Zeit, in welcher einerseits jedes Individuum auf die Berechtigung seiner eigenen religiösen Ansicht pocht, andrerseits aber nach einer festen und klaren Ueberzeugung gar nicht strebt, eine solche gar nicht will und verlangt, wodurch, abgesehen von der Verworrenheit in den religiösen Zuständen, der Intrigne und Leidenschaft freier Spielraum gewährt wird. Und dennoch scheint uns gerade hierin ein gewisier Trost und eine Hoffnung für die Zukunft zu liegen. Die Maffe unserer Glaubensgenossen will die Trennung in scharf gespaltene Parteien durchaus nickt; sie will eine