Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1871)
- Date
- 1871-12-19
- Page
- Seite 1033 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1033 Arisch itub semitisch. Jedermann weiß, daß die Familie ver arischen Sprachen kindisch, persisch, griechisch, germanisch u. s. w.) von der der semitischen (hebräisch, phönicisch, assyrisch, syrisch, chaldäisch. arabisch, äthiopisch» sich in Sprachstoff und Formation durch ganz wesentliche Dinge unterscheidet, nnd daß inan, hierauf gestützt, die arisches und die semitischen Völkerstämme als zwei verschiedene Nacen ansieht (Japhet und Schein), obgleich sie physiologisch zu einer und derselben Race, der kaukasischen, gehören. Französische und deutsche Gelehrte, in chrer Sucht nach Schematismus und ins Geheim unterstützt durch den alten Haß des Occidents gegen den Orient — obgleich der Ursprung der arischen Völker doch auch im Orient liegt — führten diese Verschiedenheit der beiden Racen bis auf's Aeußerste hinaus, wollten eine unüversteigliche Kluft durch angeborene physische Anlagen in beiden erkennbar machen, wie z. B. daß die Arier durchaus nur den Pantheismus, die Semiten nur den Monotheismus zu begreifen im Stande seien, was der Geschichte durchaus widerspricht, da sämmtliche ursprüngliche semitische Völker, mit Ausnahme der Hebräer, Polytheisten, ja die Araber vor Muhammed sogar Pantheisten waren, und dagegen arische Völker sich dem strengsten Monotheismus zugewandt haben. Wir haben diese Ansichten unsrerseits bekämpft (s. Weltbewegende Fragen, B. I S. 31 — 71). Wie immer hielten solche Extravaganzen vor dem Fortschritt der Wissenschaft nicht Stand, nnd wir machen gern auf einen Aufsatz in den Beilagen zu 'Jcr. 302, 304, 305 der „Augsburger Allg. Zeitung" aufmerksam. Zunächst wandte sich die Forschung auf die Grundlage der ganzen Unterscheidung, die Sprachen selbst, zurück. Nachdem man schon längere Zeit die vorherrschende Ansicht, daß die Stämme in der hebräischen Sprache dreiconsonantig seien, auf die Meinung reducirt hatte, daß sie ursprünglich nur zweiconsonantig, also einsylbig gewesen seien, war es nach der gegenwärtigen etymologischen Methode nicht sckwer, eine Reihe von Wortstämmen ngchzuweisen, die in den arischen und semitischen Sprachen gleich oder doch leicht aus einander zu erklären wären. Als ein Beispiel fügen wir aus ver oben citirten Abhandlung folgende Stelle hier an: „Wenn irgend etwas als Ur- und Naturlaut anerkannt ist, so sind eö die Laute du und ma für Vater und Mutter. Semitisch, zunächst hebräisch, lauten sie :4b und ein (Am, amniali), in den arischen Sprachen, zunächst lateinisch und griechisch, pa-ter, mä-tcr. Hat nun der semitische Ursäugling ad geschrieen und der arische pa? Warum stellt jener den Bocal voran, dieser nach? Warum setzt jener ein weiches b, dieser ein hartes p? Begann denn Zwiespalt und Feindschaft der Völker schon im Mutterschoße der Menschheit, wie Jakobs und Esau's Feindschaft im Schooße Rebekka's? — Zunächst soll es nur ein Beleg sein für das eben Gesagte, daß auch der einfachste Naturlaut nicht unveränderlich in der Sprache stehen bleibt, sondern wechselt und wächst. Wir Germanen sind bekanntlich noch weiter gegangen, und sagen nicht einmal mehr pa-ter, sondern Vater, gvthisch fa-clar. Aus der ma-ler aber wurde die Mutter, altdeutsch muoter. Das würde gothisch mödar lauten, aber merkwürdiger Weife kommt dieses gothische Wort nirgends vor, sondern die Mutter heißt dort immer aitliei. Das ist, um es gleich hier zu sagen, ein schlagendes Beispiel, wie sogar die allerältcsten und natürlichsten Worte für einen der allerwichtigsten Begriffe in einer Sprache oder Mundart spurlos verloren gehen können, während sie in der nächstverwandten sich erhalten. AuS grauer Borzeit taucht hier, in diesem aitliei, auf einmal ein zweiter Kinderlaut für die Mutter auf,' welchen wir dann auch in andern Sprachen theils für Mutter, tbeils für Vater gebraucht sehen. Im Sanskrit ist attA nicht nur die Mutter, sondern auch die ältere Schwester; im Lateinischen .und Griechischen ist atta das Väterchen. Auch der Gothe hat neben seinem fadar den atta, und unsere deutschen Mundarten noch heute den Aette als Großvater. Wenn wir nun weitergehenb als hebräischen Ausoru« für den Augapfel babliat ajin finden (ajin =» Auge), so erinnern wir unS sofort des lateinisch pupiik, d. h. Mädchen (des Auges). Andere Sprachen sagen dafür „das Männchen, das Bübchen (im Auge)" *) —offenbar ein uraltes scherzendes Kosewort aus dem Familien- und Kinderleben, wo man sich gegenseitig ins Auge schaute, und mit staunender Freude jeder sein Spiegelbild im Auge des andern erblickte. Lateinisch ist pü-er, pü-pus, pu-puluL u. s. w. der Knabe (daher unser Bube und unsere Puppe entlehnt), pii-pa, pü-pilk, pu-ella rc., das Mädchen. Da haben wir denn wieder ein altes ^Naturwort, welches im Semitischen mit weichem b, im Indogermanischen mit hartem p auftritt. Kann man es Hrn. v. Raumer denn gar so sehr verübeln, wenn er, diesen Spuren folgend, nun auch noch eine Reihe anderer, auch minder sinnlicher Worte, „Begriffsworte," nachgewiesen zu haben glaubt, welche im Semitischen und Arischen auffallend gleich klingen, nur mit dem Unterschiede, daß dem semitischen b ein sanskritisches, griechisches, lateinisches p entspricht? Und wenn er, ans derselben Fährte weiterspürend, zu finden glaubt, daß auch den weichen semitischen § und d vielfach die harten sanskritischen k und t entsprechen? daß z. B. hebräisch garagh, welches u. a. den Bart scheeren heißt, dem *) Bekanntlich heißt gerade im Hebräischen der Augapfel „Männchen" yrCT» (5 Mos. 32, 10. Psalm 17, 8»; zu diesem wird öfter y* N2 gefügt (letzteres auch ohne jenes Klgl. 2 15), was „Tochter des Auges," alfoTycil des AugeS, erklärt, jetzt aber als zufaunuengezogen für ras angesehen wird, da« Sech. 2,12 vorkommt: i'."? nsss. Indes; beißt NS2 eigentlich, Ocffnung, Thor (SIS), nnd hat also mit der vom Verfasser gegebenen Combinalion „das Mädchen des Angcö" nichts;n thun, da ns aus n:s, n:s r,s, m:s) znrückznführen ist.