Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1871)
- Date
- 1871-12-19
- Page
- Seite 1032 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1032 Maier Amschel verdankte die Bekanntschaft mit dem Kurfürsten und somit die Grundlage des kolossalen Reichthums seiner Familie einem Umstande, welcher aufs glänzendste zeigt, daß die Art, wie der Mensch schon in seiner Jugend sich in Geschäften benimmt, oft ungeahnte glückliche Folgen für seine Zukunft hat. Der hannoversche General von Estorsf, ein vertrauter Freund jenes Fürsten, schlug, als derselbe ihn wegen der Anstellung eines neuen Hofagenten zu Rathe zog, Maier Amschel Rothschild vor, den er im Bankierhause Oppenheim zu Hannover kennen gelernt, mit welchem er als großer Gutsbesitzer mancherlei Geldgeschäfte zu machen hatte. Das erste Erscheinen Maier Amschels vor dem Landgrafen war interessant. Er ward dem Letzteren gerade zu einer Stunde angemeldet, in welcher dieser eine Partie Schach mit Estorfs spielte. Der Landgraf ließ ihn eintreten, nahm aber, in das Spiel vertieft, eine Zeitlaug keine Notiz von dem hinter ü;m stehenden Juden. Endlich blickte er im Unmuth über das für ihn sehr schlecht stehende Spiel urn sich und sah seinen neuen Hofagenten. „Versteht Er auch daSSchachspiel?^ redeteer ihn an. Rothschild antwortete mit Ja, bat um Erlaubuiß, seinen Rath zur Rettung der Partie ertheilen zu dürfen, und gab dann mehrere Züge an, durch welche das Spiel zum Bortheil des Fürsten entschieden wurde. Dies und die darauf folgende Unterhaltung des Landgrafen mit Maier Amschel machte einen so günstigen Eindruck auf ersteren, daß er zu Estorfs sagte: „Herr General, Sie haben mir keinen dummen Mann empfohlen'."*) Maier Amschel starb im Jahre 1812 mit der seinen Söhnen gegebenen und von ihnen auch befolgten Ermahnung, stets in brüderlicher Eintracht zu leben und zu handeln. Er war, ungeachtet seines erworbenen Reichthums, in Lebensweise und Kleidung stets feiner früheren Gewohnheit treu geblieben, und hatte sich wahrend seines Lebens nicht nur durch Rechtlichkeit und kaufmännische Tüchtigkeit, sondern auch durch Frömmigkeit und Menschenliebe ausgezeichnet. Stets hatte er gern Almosen ausgetheilt; er war deshalb beim Ausgehen gewöhnlich von Leuten umgeben, welche seine Mildthätigkeit in Anspruch nahmen. Nicht selten pflegte er auf eine ganz besondere Weise Almosen zu spenden. Da er nämlich wie mancher andere Jude den Glauben hatte, daß Gott diejenigen Wvhlthatcn am meisten belohne, für welche ihr Spender keinen Dank empfangen habe, so ging er mitunter im Abenddunkel durch die Judengasse, drückte jedem ärmlich Außsehrnden, der ihm begegnete, einige Geldstücke in die Hand und lief dann schnell weiter. Auch noch in seinem Testament sorgte er auf freigebige Weise für die Armen: er legte jedem seiner fünf Söhne die Lerpflichtung auf, bis zu seinem Lebensende an das Rothschildschc Haus in Frankfurt jährlich fünftausend *) Das oben Angegebene ist mir vom Enkel des Generals von Estorfs, als ihm von seinem Later erzählt, mitgetheilt worden. Gulden zu senden, welche von diesem an Arme ausgetheilt werden mußten. Er hatte fünf Söhne und fünf Töchter. Seine Söhne waren: Amschel Maier, Chef des Frankfurter Hanfes, welcher im December 1855 kinderlos starb; Salomon Maier, Chef des in Wien gegründeten Hauses Rothschild, gestorben .1854; Nathan Maier, Chef des Londoner Hauses, 1886 zu Frankfurt, wohin er bei Gelegenheit eines Familiencongresses gekommen war, gestorben; Karl Maier, Chef des Hauses in Neapel und gestorben 1855 : Jakob, genannt JameS, Chef des Pariser Hauses, erst vor wenigen Jahren gestorben. Bon diesen fünf Brüdern war Nathan geistig am meiften begabt und in Bezug auf Gewandtheit und Tact in Geschäften dem Vater am meisten ähnlich. Für die Stadt Frankfurt hat er eine bleibende Bedeutung dadurch erhalten, daß er, wie man behauptet, der Schöpfer des dort so wichtigen Handels mit Werthpapieren gewesen ist. Er soll nämlich schon früh das Dahinschwinden des früher in Frankfurt blühenden Waarenhandels vorausgesehen und deshalb seinen Brüdern und Freunden den Rath ertheilt haben, ihre Capitalien auf Staats- und andere Werthpapiere zu verwenden und diese zum Hauptgegenstand des Frankfurter Handels zu machen. Der Mutter glich am meisten Amschel Maier. Auch theilte er mehr als seine Brüder deren Anschauungsweise. Er hielt fest an den alten Sitten und Gebräuchen, legte keinen großen Werth auf den Freiherrntitel, den man der Familie Rothschild ertheilt hatte, und äußerte öfters die Befürchtung, daß die folgenden Generationen derselben durch Ueberhebung, Prachtliebe und Genußsucht dem Geiste und Glauben ihrer Bäter entfremdet werden möchten. Me die Familie Rothschild in unserem Jahrhundert die erste Macht im pecuniären Getriebe der Dinge geworden ist, so ist zu derselben Zeit auch die (jetzt etwas mehr als achttausend Seelen betragende) Frankfurter Judenfchaft nicht blos ebenfalls immer reicher geworden, sondern sie hat auch 1804 zum dritten und sicherlich zugleich;um letzten Male völlige Gleichheit der Rechte mit den Christen erlangt. Seit dem Herbste jenes Jahres besteht zwischen den Christen und den Juden kein anderer Unterschied mehr, als der des Glaubend; denn damals wurde den Juden auf verfasiungsmäßige Weife die vollständige Gleichstellung mit den Christen zuerkannt, nachdem diese ihnen zweimal (1813 und 1S50) wieder entzogen worden war. Auch in den Sitten und im geselligen Verkehr sind die Juden und Christen einander immer näher gekommen; der Judenhaß früherer Zeiten ist aus den Anschauungen und der Empfindung der heutigen Frankfurter längst verschwunden, und bald wird es voraussichtlich dahin kommen, daß den Christen sogar der letzte schwache Nachktang der früheren Judenverfolgungen, das 1817 durch ganz Deutschland erschollene „Hepp! Hepp!" kaum als ein möglich gewesenes Factum erscheinen wird.