Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1871)
- Date
- 1871-12-19
- Page
- Seite 1025 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1025 herrlichen, sondern um zu seiner Veurtheilung die Züge zu sammeln, welche wohl unterrichtete Personen über ihn mittheilen. Wer durch den Tod seine Schuld gesühnt hat, und es ist ein alter Ausspruch unsrer Weisen, ^-^2-2 m;:r: „der Tod versöhnt/ der hat um so mehr Anspruch, daß man über seinen Charakter den rechten Aufschluß gebe, damit ihn die Nachwelt weniger verdamme, als die von den Leidenschaften des Tages bewegte Mitwelt. Die „N. fr. Pr." theilt über ihn Folgendes mit: „Gaston Crsmieux, der einer reichen israelitischen Familie angchörte, hintcrläßt eine zweiundzwanzigjährige Wittwe und zwei Kinder. Gaston Crsmieux war ein fanatischer Republikaner, ein glühender Verehrer der Männer von 1791, aber ein höchst ehrenwcrthcr Charakter, ein liebenswürdiger Mensch. Seine Frau, eine schöne, geistreiche Engländerin, war schon vor längerer Zeit und mit Auszeichnung von Thiers, mehreren Ministern und zahlreichen Abgeordneten empfangen worden, und sie wurde mit der bestimmteil Zusage entlassen, sie habe um das Leben ihres Mannes nicht zu zittern. Seitdeni verwendete sich der Generalrath von Marseille zwei Mal und einstimmig für Ermnieux. Niemand dachte mehr an sein TodcSurthcil, weil Niemand den Vollzug für möglich hielt. Um so größer ist die Ueberraschnng." . Der „K. Z." schreibt man vom 4. December: In Marseille bildet die Exemtion Crömieux's noch immer das Tagesgespräch. Gestern besuchte die halbe Stadt sein Grab, um dort Jmmortellenkränze niederzulegen. Ein Eorrcspondent der „Constitution" bringt nachfolgende Details über die Hinrichtung Gaston Crömieux's in Marseille: Nachdem Gasion Crmnieux auf den Hinrichtungs- Platz gebracht war, ' hatten die Truppen bereits das Carrö gebildet. Ein Peloton von zwölf Mann aus dem 2-1. Jägerbataillon tritt vor und schreitet langsam gegen den Pfahl. Man erzählt, ein Sergeant habe als besondere Begünstigung verlangt, an der Execution theilnehmen zu dürfen, und diese seltsame Bitte sei gewährt worden. Ein Schauer geht durch die Menge: Trommelwirbeln und Trompetengeschmetter; die Infanterie schultert das Gewehr, die Cavallerie zieht den Säbel; der Berurtheilte erscheint. Crömieux steigt in Begleitung des Rabbiners in der Nähe des Pfahls aus dem Wagen. Dev Actuar des Kriegsgerichts liest ihm noch ein,Mal das Todesurtheil vor. Der Berurtheilte hört es ruhig und gefaßt an. Dann nähert er sich dem Hinrichtungspfahle und wendet sich mit den Worten an die Soldaten des Pelotons: „Ich bitte Sie um das Eine, auf das Herz zu zielen; meine Leiche wird sicher von meiner Familie rcclamirt, und ich möchte nicht entstellt sein. Keine Furcht, ich werde mich fest halten; zielen Sie richtig; ich biete Ihnen die Brust und will das Signal geben." Er wird zn dem bestimmten Platze geführt; als er den Pfahl und das Tuch ficht, mit dem ihm die Augen verbunden werden sollen, ersucht er, daß man ihn nicht an den. Pfahl binde und ihn frei dem Tode ins Antlitz schauen lasse. Jetzt beginnt er sich auSzukleiden; nachdem er feine Mütze, Rock und Weste abgelegt, erblößt er noch die Brust; er umarmt de:: Rabbiner, übergibt ihm einen Ring und sein Lorgnon mit den Worten: „Für meine Frau!" Und dann, sich an den Pfahl stellend, ruft er mit fester Stimme: „Ich bin bereit!" Der Rabbiner küßt ihn noch ein Mal und zieht sich dann zurück; auf das Commando: „Feuer!" stößt Crömieux den Schrei: „Es lebe die Rep.!" aus, der nwl auf 600 Metres gehört wurde. Er fällt im Feuer; neun Kugeln trafen ihn in die Brust, eine ging in die Leisten. Der Tod erfolgte rasch; nach einem convulsioischen Aufzucken sank der Leichnam auf den Rücken. Der Rabbiner schloß die Augen des Hingerichteten, und sich an den Pfahl lehnend, betete und weinte er lange. Die Truppen bildeten nun eine geschlossene Colonne und defilirten dann unter Fanfaren und kriegerischer Musik an der Leiche vorüber. Einen Augenblick später war Alles aus und ruhig. Ein von zwei anderen Wageit gefolgter Leichenwagen kanr eiligst auf das Pharoplateali. Man nahm die Leiche mit besonderer Sorgfalt auf, legte sic in einen Sarg und schlug sie in ein feines Linnen ein; dann brachte man sie auf den israelitischen Gottesacker, wo sie unverzüglich beerdigt witrde. Ter Cercle des Athönse Möridional, dessen Mitglicd der Hingerichtete war, rollte seine Fahne auf. An der Thür des Herrn Molina, des Schwagers von Crsmicux, stand vom Morgen an ein Tisch, Papier, Tinte llnd Federn darauf, zur Einzcichnnng für alle jene, loelche ihre Sympathie für den Todten nicht verleugnen wollten. Sehr Viele hatten sich eingezeichnet. 51*