Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1871)
- Date
- 1871-12-19
- Page
- Seite 1024 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1024 diesen -1000 Wählern erschienen bei der Hauptwahl 710 Wahlberechtigte, also im Ganzen nicht einmal 25 Proccnt. Tie Wahtvorgänge boten dieses Mal viel Belehrung über die hiesigen jüdischen Zustände, und ich Halle cs nicht für nnwerlh, einige Momente zu verzeichnen. Bevor die ofsicielle, vom Borstande einberufene Versammlung zur Wahlbesprechung stattfand, versammelten sich die Orthodoxen in der Schisisynagogc, um ihren Getreuen das mot (Vordre zu geben. Selbstverständlich ging dies dahin, einen Partcimann zu wählen, wogegen wir weiter nichts einzuweilden haben. Mal ä propos fanden wir es jedoch, daß, wie die Journale berichteten, Herr Rablnnatsassessor Spitzer an der Debatte Theil nahm und Kandidaten empfahl. Herr Spitzer ist Beamter der Gemeinde, und da halten wir einen derartigen Borgang nicht am Platze. Bei dieser Gelegenheit mag auch noch Folgendes bemerkt werden. Bor einigen Jahren brachten die Orthodoxen bei der hiesigen Statthalterci mehrere Beschwerden gegen den Borstand ein. Ein Bcschverdepuncr darunter war, daß der Gemeinvevorstand den Beamten Auftrag gebe, für gewisse von ihm vorgcschlagene Candidaten zu stimmen. (Zu jener Zeit hatten nämlich die Beamten das aetive Wahlrecht, was jetzt Glicht mehr der Fall ist, da sie keine Eultuösteuer bezahlen.) Ich kann versichern, daß diese Frage durchaus unbegründet war. Heute jedoch wird der Spieß umgekehrt, und ein Beamter agitirt öffentlich für bestimmte orthodoxe Candidaten. Wie natürlich, geschieht dies blos in majorein Dd gloriara. Bei der officiellen Wählerversammlung, die diesmal besser besucht war als sonst, da die Orthodoxen zahlreich erschienen, wurde viel gelärmt und getobt; cs gab viel Geschrei, aber wenig Wolle. Das Haupttyelna bildeten die liturgischen Reformen. Eigenthümlich genug standen die Orthodoxen für die Liturgie, die der sel. Mannheimer einführte, ein. Ter verstorbene Preßburger Rabbiner und der jetzige, dessen Sohn, betrachteten Mannheimer als und deren Jünger und Anhänger stehen jetzt für das von Mannheimer geschaffene Werk ein. Mit diesen ziehen an einem Strange jene, die sich sonst wenig um das Jndenthum kümmern, und zwar sind sie Anhänger der bestehenden gottesdienstlichen Einrichtungen aus Opportunitätsgrüuden. Sic meinen nämlich, jetzt seien die Tempel gefüllt; wenn aber die liturgischen Reformen eingestihrt werden, dann treibt man die Alten hinaus, und die Reuen werden nach wie vor wegbleiben. Die Herren unterstützen dieses Raisonnemcnt noch durch folgendes Argument, indem sie darauf Hinweisen, daß die Bethäuser der Reformgemeinden in Deutschland teer stehen. Man vergißt nur,' daß die jetzt bestehenden gottesdienstlichen Einrichtungen nicht minder heftig bekämpft wurden, als man sie einführte, denn die jetzt projectirten. Kostete cs doch damals Anstrengung den Pint *c5« in zu streichen, trotzdem im Principe beschlossen war sämmrliche Pintim zu streichen. Denn Herr v. Neuwall, dessen Kinder sämmtlich getauft waren, meinte, dieser Pint sei das wichtigste Gebetstück. Welchen Spectakel machte Herr v. Lämmel, weil der Beschluß gefaßt wurde, die -run dr-responsenweise zu beten. Heute freilich kräht kein Hahn mehr um diese Dinge. Doch gehen wir weiter. Bei der Hauptwahl wurden nur drei von den sechs zu wählenden Vorstandsmitgliedern gewählt, da große Stimnwnzcrsplitternng herrschte. Es müssen also noch drei in einer Rach- Wahl gewählt werden. Bon den bei der Hauptwahl erschienenen 719 Wahlberechtigten gaben 6-15 ihre Stimmen dem erst seit wenigen Jahren fungirenden Borsteher Herrn. Int. Diittev v. Goldschmidt. Herr Baron Königswarter jedoch, der jetzige Präses, welcher ohne Zweifel wieder zum Präses gewählt werden wird, erhielt um einige Stimmen weniger. Der Grund dieser Erscheinung dürste sein: Herr v. Goldschmidt ist eine vortreffliche ausgezeichnete Persönlichkeit, aber keine derartig prononcirte, wie der Herr Baron Königswarter. Schließlich will ich noch folgendes hervorheben. Die Orthodoxen candidirten zwei Persönlichkeiten. Dieselben erhielten nicht einmal eine bcachtenswerthe Minorität von Stimmen. Diese Thatsache bedarf keiner weitern Illustration, und Sic können daraus entnehmen, welche Bedeutung hier die orthodoxe Partei hat. Frankreich. Paris, 6. December. Wenn wir hier noch einmal auf den kriegsgerichtlich erschossenen Gaston Crömienx znri'ickkommen, so geschieht es wahrlich nicht ans dem Verlangen, irgendwen der sich an der Commune — icfccd) nicht an der in Paris — betheiligt hat, zu ver-