Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1871)
- Date
- 1871-12-12
- Page
- Seite 1012 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1012 mietheten. Im Jahre 1796 wurden durch die Franzosen unter Kleber, welche vom 12.—14. Juli Frankfurt mehrmals bombardirten, einhundert und vierzig Häuser des westlichen Endes der Judengaffe sammt dem Dachstuhl der Synagoge in Asche gelegt. Auch damals wurde der niedergebrannte Theil der Judengaffe alL^-ald wieder hergestellt, er erhielt aber eine bedeutende Verbefferung. Es ward nämlich dieser von der Fahrgaffe bis zur Synagoge sich erstreckende Theil, dessen nordwestliches Eckgebäude jetzt das Geschäftsloeal des Hauses Rothschild ist, nicht nur in eine sehr breite Straße umgewandelt, sondern er erhielt auch lauter stattliche Gebäude. Er wird übrigens jetzt nicht mehr unter dem Namen Judengaffe mit inbegriffen, sondern die Bornheimer Straße genannt. Ungeachtet der größeren Breite, welche man nach dem Brande von 1711 der Judengaffe gegeben hat, ist diese noch immer enge und düster, da die dreistöckigen, mit Giebeln versehenen Häusern auch damals wieder dicht an einander gebaut worden waren. Erst in den drei letzten Jahrzehnten hat die Judengaffe ihren finsteren und beengenden Charakter verloren, weil eine beträchtliche Zahl von Häusern ihrer Baufälligkeit wegen durch die städtische Behörde zum Abbruch ver- urtheilt wurde, und das Einreißen derselben mehr und minder große Lücken geschaffen hat. Dadurch hat sie endlich auch den ihr mangelnden Luftwechsel erhalten. Neuerdings hat die Judengaffe auch darin eine wesentliche Aenderung erlitten, daß jetzt etwa die Hälfte ihrer Bewohner aus ärmeren Christen besteht. Die Häuser sind, mit Ausnahme eines einzigen, des steinernen Hauses, aus Gebälk mit Fachwerk erbaut. Wegen ihrer großen Schmalheit nnd Tiefe sind die meisten im Inneren fast dunkel. In manchen von ihnen hatte man früher, aus Furcht vor Verfolgung und Plünderung, keine bis zum Dachstuhl führende Treppe, statt derselben war oben eine Leiter angebracht, welche der unter das Dach Fliehende hinter sich hinauf zog. Aus dem gleichen Grunde war in manchen Häusern der Keller mit dem des Nachbarhauses durch eine Thür verbunden, welche gewöhnlich durch einen vorgestellten Schrank verdeckt. war und im Nothsall die Flucht in den nächsten Keller, sowie mitunter aus diesem in noch mehrere andere ermöglichte. Diese Einrichtung hatten auch an anderen Orten die Juden in ihren Kellern gemacht; in Negensburg sollen früher sogar alle Judenhäuser auf solche Weise mit einander verbunden gewesen sein. Die Häuser waren, wie die der übrigen Stadttheile, bis zum Jahre 1759 nicht mit Nummern versehen, sondern man hatte sie dadurch von einander unterschieden, daß jedes HauS einen bestimmten Namen trug, welcher auf ein über der Thür angebrachtes Schild gemalt war. Von den alten Namen der Frankfurter Judenhäuser sind manche als Personennamen auf die diese besitzenden Familien übergegangen, wie die Namen Bär, Haas, Hahn, Hirsch, Hecht, Kann, OchS, Reuß, Rindsfuß, zum rochen Schild, Schiff, Schloß, zum schwarzen Schild, Sichel, Stern, Stiefel, Strauß und andere. Wahrscheinlich hat auck die Familie Rothschild ihren Namen von dem „zum rothen Schild" benannten Hause (es war das jetzt abgerissene Haus Nr. 69) erhalten. Doch führt dasjenige Haus, welches der Stifter des Nothschild'schen Handelshauses, Maier Amschel von Rothschild, um das Jahr 1780 erkaufte, und in welchem alle Kinder desselben geboren wurden, nicht jenen Namen, sondern den „zum grünen Schild." Die interessantesten Häuser der Frankfurter Judengaffe sind die mit Nr. 118 und Nr. 148 bezeichnten, weil im ersteren Börne geboren wurde und Letzteres das Stammhaus der Familie Rothschild ist. Beide Häuser unterscheiden sich durch nichts von den übrigen; namentlich haben sie, wie diese fast insgesammt, eine Breite von nur sechs Schritten und sind von ihren Nachbarhäusern bloß durch eine dünne Wand getrennt. Das Börne'sche Geburtshaus hat neuerdings eine Marmortafel erhalten, deren Inschrift besagt, daß in ihm 1786 Börne geboren sei. Das Rothschild'sche dagegen ist durch nichts als solches erkenntlich, und wird von der Familie Rothschild unverändert in dem Zustande erhalten, in welchem es von ihrer 1849 gestorbenen Stammmutter bis zu deren Ende bewohnt 'worden war. Es liegt gerade dem Gäßchen gegenüber, welches den mittleren Ausgang aus der Judengaffe bildet. Die Frankfurter Judengaffe geht jetzt ihrem völligen Untergänge entgegen, da man die Absicht hat, dieselbe sammt ihrer nächsten Umgebung abzubrechen, um neue Straßenanlagen zu machen. Mit ihr wird ein Denkmal der Beschränkung und Mißhandlung schwinden, welche Tausende von Menschen ihres Glaubens, ihrer Abstammung und ihrer Sitten wegen Jahrhunderte lang hatten erdulden müssen. Bon dem traurigen früheren Zustande der Juden wird dann in Frankfurt keine sichtbare Spur mehr vorhanden sein, während dagegen diese Stadt schon jetzt viele palastartige Privatgebäude, zwei neue schöne Synagogen, ein großartiges Hospital, eine ebenfalls großartige Realschule und zwei schöne Freimaurerlogen darbietet, welche die Nachkommen der noch vor sechzig Jahren in eine finstere Gaffe eingeengten Juden sich theils erbaut, theils erkauft haben. Die denkwürdigste Erscheinung aber, die sich an die Frankfurter Judengaffe anknüpft, wird immer die Familie Rothschild sein, die, aus einem jener engen und finsteren Häuser hervorgegangen, schon in der zweiten Generation sich einen Reichthum und eine Stellung erworben hat, welche beide nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit ihres Gleichen nicht haben. Es wird sich daher auch wohl eignen, der Schilderung der Frankfurter Judengaffe Einiges über die Geschichte jener Familie beizufügen. Diese Geschichte kann über den Frankfurter Handelsmann Amschel Moses Rothschild hinaus nicht zurückgeführt werden. Von dem Leben und den Verhältnissen desselben hat sich keine Nachricht erhalten. Er