Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1871)
- Date
- 1871-12-12
- Page
- Seite 1005 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1005 Leigeführte Zustand leicht aus den eingeschlagenen Wegen erklären. Redact.) Die „N. fr. Pr." enthält folgendes Nähere: Die ungarische Negierung hat durch einen vom 15. November datirten Erlaß des Cnltusministers an alle Jurisdictionen Ungarns und Siebenbürgens zur israelitischen Congreßfragc Stellung genommen. Bekanntlich wurde die im Schoße der israelitischen Gemeinden ausgebrochcne Streitfrage, ob die Beschlüsse' des Jsraelitencongresses von 1868 und 1569 für alle Bekenner des mosaischen Glaubensbekenntnisses unbedingte Geltung hätten, von den jüdischen Orthodoxen vor das Forum des ungarischen Reichstags gebracht. Dem Beschlüsse des Reichstags vom 30. März 1570, das Princip der Glaubensfreiheit unter allen Umständen zu wahren, entsprechend, hat nun der CnlruSminister, zufolge der a. h. Entschließung vom 22. October d. I., bekannt gegeben, daß die Gcmeindeorganisation im Sinne der.Statuten der orthodoxen Vereine . zu gestatten sei, ohne daß die vorhergehende Bewilligung der betreffenden israelitischen (fortschrittlichen) Eultusgemeinde erforderlich wäre. Frankreich. Pari's, 30. Nov. Wie wir schon früher bemerkten war ein gewisser Gaston Cromieux — wie cs heißt, ein weitläufiger Verwandter des berühmten Crmnieux — Mitglied der Commune in Marseille gewesen, welche sich übrigens durchaus nicht mit ähnlichen Schandthaten befleckt hat, wie die Commune in Paris. Schon vor vielen Monaten wurde er zum Tode verurtheilt, sein Gnadengesuch jetzt verworfen, und das Todesurtheil an ihm vollführt. Tie „K. Z." berichtet über seine Hinrichtung Folgendes: Gaston Cr6micux wurde heute Morgen in Marseille erschossen. Man benachrichtigte ihn von seinem bevorstehenden Ende des Nachts 2 Uhr. Er antwortete: „Ich werde zeigen, wie man stirbt." Nachdem er seine Papiere in Ordnung gebracht, stieg er in den Wagen, der ihn nach dem Fort Nicolas brachte. Dort angelangt, verlangte er einige Minuten Zeit, um ein Gedicht, was er begonnen, zu beenden, und beauftragte dann den ihn begleitenden Nabbiner (Crömieux war Jude.,, Herrn Esquiros (Dcputirten von Marseille) zu bitten, ein Theaterstück zu beenden, das er angesangeu hat. Um 7 Uhr kam ein Karren, um den Verurtheilten nach dem Nichtplatze zu führen. Nach dem Vorträge des Urtheils bat Cremieux die Soldaten, auf das Herz zu zielen, da seine Familie seine Leiche abholen werde und er deshalb nicht entstellt werden wollre. Nachdem er sich einige Minuten mit dem Rabbiner, den er küßte, unterhalten hatte, näherte er sich dem vcrhäuguißvollen Pfahl, der mit Ringen zum Anbinden versehen war, falls er schwach werden sollte. Diese Vorsicht war aber unnütz. Erömieux blieb fest. Er zog seinen Rock und seine Weste aus und legte seine Halsbinde ab; dann, sein Hemd aufreißend, aufrechtstehend, die Augen unverbunden, wie er cs verlangt, rief er: „Voran! Feuer! Es lebe die Republik . . .!" Das Wort Republik erstarb auf seinen Lippen; wie vom Blitz getroffen, stürzte er zu Boden. Die Aerzte constatirten seinen Tod. Ungefähr 3000 Manu waren unter den Waffen. Viele Neugierige, hatten sich eingefunden. Der Nabbiner verließ während des Defilö's der Truppen die Leiche nicht. An den Pfahl gelehnt, las er die Bibel und weinte. Die Familien Eremieux und Molina, die in Wagen angefahren kamen, brachten die Leiche nach dem israelitischen Kirchhofe. Wenn die Executionen von Versailles schon eine schlimme Stimmung in Paris erzeugt haben, so , ist Die Entrüstung über die Execmion in Marseille eine noch größere. Rossel und Bourgeois gehörten der Armee an, Ferro war mehr oder weniger Mordbrenner, und Ulan könnte daher ihre Hinrichtungen rechtfertigen. Crsmicux hatte sich aber nur an der communistischen Bewegung in Marseille betheiligt, die.sich der schrecklichen Excesse, welche in Paris vorfielen, nicht schuldig machte. Crsmieux war also nur politischer Verbrecher, die doch gesetzlich nicht zum Tode vcrnrtheilt werden können. Man ist um so empörter, als Crsmieux der einzige der vier in Marseille zum Tode vcrnrtheilten Communisten ist, welcher hingerichtet wurde, und man behauptet, daß er nur deshalb keine Gnade vor der Commission fand, weil er es war, welcher der Nationalversammlung den Namen „Olmmdro rurale" gab. Man schreibt ferner: In Marseille herrscht große Aufregung wegen der Hinrichtung Crsmierrx's. Er lebte dort bekanntlich als Advocat. Zahlreiche Gruppen hatten sich gestern auf allen Straßen, namentlich vor dem Haufe der Familie desselben, gebildet. Sie besprachen das traurige 50*