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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-12-12 · Heft 50 (12.12.1871) · p. Seite 1004

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 50 (12.12.1871)
Date
1871-12-12
Page
Seite 1004 (sequence 10)
Language
German
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1004 lizischen Glaubensgenossen kein Gewicht legen, wenn dasselbe sich in so schwächlichem Maße bewährt; ich kann nicht sagen, daß cs einen bildenden und civilisatorischen Einfluß übt, wenn ich von diesem nach Verlanf eines halben Jahrhunderts keine wachsenden, sondern vielmehr abnehmende Spuren gewahre. Hat der deutsche Geist in Deutschland selbst durch den Gang der politischen Ereignisse einen neuen Aufschwung genommen, so kann ich in andern Ländern unter völlig verschiedenen Umständen keine solche Begeisterung erwarten und fordern. Eine Hoffnung, daß im Kampfe gegen den PolonismuS unsre galizischen Glaubensgenossen irgend welche nachhaltige Kraft entwickeln werden, scheint mir daher trügerisch. Man hat die lange günstige Zeit, in welcher für die Bildung der Masse und insbesondere für die deutsche Bildung derselben hätte gewirkt werden können, vorübergehen lassen, und cs ist allerdings die Frage, ob diese Zeit jemals wiederkehren werde. ■ Prag, Ende November. (Privatmitth.) Die Voraussagung in meinem letzten Berichte, daß die Feiertage die hier anfgetanchte Orgclfrage zur Entscheidung bringen und ich nach denselben in der Lage sein würde, Ihnen diesbezüglich eine vollendete Thatsache melden zu können, hat sich nicht erfüllt. Die Orgel ist zwar an den jüngst verflossenen Feiertagen nicht gespielt worden und wird auch bisher beim Sabbathgottesdicnste noch nicht gespielt; damit ist aber die Orgelfrage keineswegs als auf unbestimmte Zeit vertagt oder gar als gescheitert zu betrachten; dieselbe ist vielmehr noch ilmner in der Schwebe und hält die Gemüther gewisser Kreise in fortwährender Aufregung. An den Feiertagen hätte die Orgel, wenn auch die neue Einrichtung nirgends auf Opposition gestoßen wäre, aus technischen Gründen nicht gespielt werden können. Diesen Umstand benutzte Herr Dr. Kämpf, der von Anfang an die neueinznführende Institution aus bisher noch unbekannten und unaufgeklärten Motiven bekämpfte und deren Einführung zu vereiteln sich bemühte, um auch von der Canzel herab gegen dieselbe zu Felde zu ziehen, in der Meinung, daß cs ihm^von da aus eher gelingen werde, die Tempelmitglieder zur Zurücknahme der an den Vorstand gerichteten Petition, in welcher die Orgelbegleitung beim Sabbath- und Fcsttagsgottcsdienstc verlangt wird, zu bestimmen. Allein, wie schon seine Bemühungen außerhalb der Synagoge nicht den gewünschten Erfolg hatten, so scheinen auch seine auf der Canzel vorgebrachten Argumente weder auf die Tempclmitglieder noch auf den Vorstand den erwarteten Eindruck gemacht zu haben. Die Tempel- Mitglieder zogen nämlich ihre Petition nicht zurück, wodurch der Vorstand seinerseits sich gezwungen sah, Herrn Dr. Kämpf zur Abgabe eines schriftlichen, halachischen Gutachtens aufzusordcrn. Die Abgabe ist bisher noch nicht erfolgt. Dies der gegenwärtige Stand der hierortigen Orgelfrage. An den gestern hier stattgefundenen Wahlen in Vertretung der Stadtgememde hat die deutsche Partei sich nicht bctheiligt, und dieses Verhalten auch, in der Josephstadt, wo sie des Sieges gewiß war, des Princips wegen beobachtet. In Folge dessen ist es den paar Juden, welche aus hier nicht zu erörternden Gründen sich der nationalen Partei angeschlossen haben, gelungen, einige ihrer Candidaten durchzubringen. Die bei den Nationalen schlecht angeschriebene Josephstadt wird daher zum ersten Male im Stadtverordnetcncolleg'mm durch „nationale Juden" vertreten sein. Ob sich dieser Umstand als eine sichere Assecuranz gegen das Einschlagen der Fensterscheiben bewähren wird, möchte ich bezweifeln. Pest, 1. Dcccmber. Das Amtsblatt publicirt heute das von Sr. Majestät genehmigte Organisationsstatut der autonomen jüdisch-orthodoxen Confession in Ungarn und Siebenbürgen. (Wir werden hierüber baldigst das Nähere vorliegen haben. Es cxistiren also jetzt in Ungarn zwei OrganisationSstatute für die jüdischen Gemeinden, das Eongreßstatut und das orthodoxe, beide Ausfluß der ministeriellen Machtvollkommenheit, beide vom Könige sam-ionirt, beide ohne Befragen des Landtags. Nun besteht aber in Ungarn eine nicht-geringe Zahl von Gemeinden, welche weder zum Congrcß noch zu den Schomre-hadath schwören, unb diese können doch nicht gezwungen werden, zu den: einen oder zu dem andern Statut zu treten, denn die jüdischen Gemeinden sollen ja autonom sein. Ist demnach jetzt die Spaltung zwischen den Congreßgemeinden und denen der Schomrehadath persect, so wird diese Mittclpartci der Grund und Boden werden, auf welchem man sich, wenn die Leidenschaften sich abgckühlt haben werden, 'wieder zusammcnstnden wird. Das Ganze bietet freilich gegenwärtig einen kläglichen Anblick, doch läßt sich der her-

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